Die Kraft der Neuheit
(Erschienen im April 2000 in der GZ
- Goldschmiede Zeitung)
Neu ist ein Zauberwort. Neugier eine angeborene Eigenschaft. So zumindest sehen es die
Psychologen in einer bahnbrechenden neuen Theorie. Ja, Sie haben recht, das Wort
"neu" ist mindestens so ausgeleiert wie "schön" oder
"Design". Aber wir können es uns als menschliches Kollektiv doch nicht
verkneifen, zumindest die Augenbrauen zu heben, wenn wir es antreffen.
Was macht alles Neue so interessant? Der Antworten gibt es viele. Weil wir so
oberflächlich sind. Weil wir so schnell gelangweilt sind. Weil wir die guten, alten Dinge
nicht mehr schätzen können. Aber auch: weil uns neue Dinge fühlen lassen, wie sich die
Welt dreht. Weil uns Neues stimuliert. Weil "neu" sehr oft auch "jung"
ist. Weil "neu" auch in Worten wie Neuanfang oder Neuorientierung vorkommt. Das
will nicht heissen, dass alles "Alte" nur mit gegenteiligen Assoziationen belegt
ist. Wir sind alle dankbar, dass es Dinge im Leben gibt, die sich nicht verändern. Aber
in einer völlig erstarrten Welt ohne Neuerungen würde wohl über kurz oder lang jeder
von uns den Verstand verlieren.
Die typische "Neu"-zeit im Jahr ist der Frühling. Diese Jahreszeit inspiriert
uns, gemeinsam mit der Natur einen Neuanfang zu machen. Sobald die Tage länger werden und
das Quecksilber stetig steigt, erfasst uns die wilde Lust auf Neues. Bei uns Frauen
äussert sich das zumeist in Form von ausgedehntem Shopping, bei den Männern in Form
einer Polierwut, sei es am Motorrad, Rennrad oder Cabrio. Wir Schmuckleute sind bereits
seit Jahresbeginn auf verschiedensten Messen unterwegs. Nicht nur das Abwickeln ganz
normaler Geschäftstätigkeiten zieht uns dorthin, es ist auch der Hunger nach der
Neuheit.
Nun ist es aus Sicht der Produzenten und Designer so eine Sache mit den Neuheiten. Wer
dauernd Neues produziert, läuft Gefahr, sich zu verzetteln und vor lauter
Entwicklungskosten keinen Gewinn mehr einzufahren. Wer hingegen keine Neuheiten
präsentiert, der wird mit Nichtbeachtung gestraft. Den goldenen Mittelweg zwischen beiden
Extremen zu finden, ist gar nicht so leicht. Einerseits sind Begriffe wie
Kollektionsgestaltung, Designqualität, Innovationskraft, Verkäuflichkeit und Image
wichtige Checkpunkte auf dem Weg zur Neulancierung. Andererseits ist nicht so sehr die
Menge der Neuheiten massgeblich, sondern deren Qualität. Eine wohldosierte Portion
Neuheiten, die richtig kommuniziert wird, kann eine ganze Menge bewirken.
Damit ist sicher jede Unternehmung im Schmuckbereich angesprochen, denn nicht nur
Produzenten, sondern auch Gross- und Einzelhändler führen immer wieder Neuheiten ein. Es
betrifft aber auch die Schmuckbranche als Ganzes. Eine Industrie, die dauernd Kreativität
beweist und scheinbar mühelos mit immer neuen Produkten aufwartet, demonstriert
Lebendigkeit. Und kreiert damit auch Nachfrage. Nachfrage? Ist das nicht das, was wir alle
dringend benötigen? Ein Rezept könnte lauten: Entwickle Neues und sprich darüber.
Ihre Susan Sagherian