Der Blick zurück lohnt sich
(Erschienen im Januar 2000 in der GZ
- Goldschmiede Zeitung)
So, das Durcheinander des Weihnachtsverkauf weicht langsam wieder einem geordneten Alltag.
Sie haben mit Erleichterung festgestellt, dass sich Ihr Computer dazu entschlossen hat,
Ihnen auch im neuen Jahrtausend treu zu Diensten zu stehen. Und Sie haben schon x-mal zu
einer Eins angesetzt, als Sie das Datum schreiben wollten. Mit anderen Worten, die
Milleniumshysterie ist Schnee von gestern. Das Leben geht weiter und vielleicht fragen Sie
sich manchmal, was denn der Schmuck im dritten Jahrtausend wohl für eine Bedeutung haben
wird.
Die Wochen und Monate vor dem Jahrtausendwechsel waren geprägt von Rückblicken auf das
Jahr, Jahrhundert und Jahrtausend. Wir haben die Zeit mit Siebenmeilenstiefeln durchmessen
und viele Zusammenhänge erst jetzt so richtig kapiert. Die Historiker jeglicher Couleur
hatten ihre Sternstunden, und unzählige Publikationen erschienen, die uns geschichtliche
Überblicke über fast jedes Thema erlaubten. Wie aber steht es um den Schmuck? Wie gehen
wir mit unserer Geschichte um? Kennen wir uns da überhaupt aus?
Natürlich gibt es meterweise Bibliothek, die sich mit der Geschichte des Schmucks
befassen. Wundervolle Werke, die mit Liebe und Sachverstand recherchiert wurden. Es gibt
tolle Sammlungen, die uns den Respekt vor den Meistern der Vergangenheit lehren und gut
gemachte Ausstellungen, die sich ausgesuchten Schmuckthemen widmen. Grosse Häuser wie zum
Beispiel Cartier haben Archive, die uns vor Ehrfurcht erschaudern lassen. Aber Hand
aufs Herz sind wir einzelnen Schmuckmenschen uns der jahrtausendealten Tradition
des Schmuckmachens eigentlich bewusst? Kennen wir die Schmuckgeschichte des Ortes an dem
wir leben und arbeiten? Und die wichtigste Frage von allen: Sind wir stolz darauf?
Dazu haben wir eigentlich allen Grund. Schmuck hat zu keiner Zeit und nirgends seine
Bedeutung verloren. Goldschmiede waren immer die angesehensten Handwerker mit ganz
besonderen Privilegien. Sie standen den Reichen und Mächtigen nahe, waren Künstler,
Abenteurer und gleichzeitig Geheimnisträger. Sie wurden als Erste ins Vertrauen gezogen,
wenn es um grosse Anlässe, wichtige Feierlichkeiten, diskrete Liebespfande oder
persönliche Geschenke ging. Schmuck war der Punkt, wo sich zu allen Zeiten Schönheit,
Gefühl, gesellschaftliches Prestige und Spiritualität trafen. Er ist ein Jahrtausende
währender Menschheitstraum.
Dass eben dieser Menschheitstraum im neuen Jahrtausend untergehen sollte, ist sehr
unwahrscheinlich. Warum sollte ein Mann in Zukunft seiner Angebeteten zur Verlobung einen
Toaster anstelle eines Schmuckstücks schenken? Ein flottes Auto ist zwar schön, hat aber
einfach nicht den gleichen emotionalen Wert wie ein Schmuckstück. Auch ein schönes Haus
hat Lebensqualität, aber es glitzert nicht so verführerisch wie ein Edelstein. Eine
grosse Reise ist ein Traum, der irgendwann ein Ende hat. Ein Schmuckstück entführt einen
jeden Tag in eine Märchenwelt. Daher wird sich die Mehrheit der Menschen auch in Zukunft
der enormen Anziehungskraft von Schmuck nicht entziehen können.
Aber es liegt natürlich an uns Schmuckmenschen, diesem Traum immer wieder neue Nahrung zu
geben und so am Leben zu erhalten. Begeisterung und Freude, Wissen und Können sind
wichtige Voraussetzungen dafür. Gleichzeitig bilden Generationen von Goldschmieden und
Schmuckmachern ein riesiges, unsichtbares Fundament, auf dem wir mit Stolz und dem
Bewusstsein einer grossartigen Tradition stehen können. Der Blick zurück in die
Vergangenheit lohnt sich, denn er gibt uns eine Ahnung von der Zukunft des Schmucks.
Ihre Susan Sagherian