Kreativität hüben und drüben
(Erschienen im Juli 2000 in der GZ -
Goldschmiede Zeitung)
JCK Show, Las Vegas. Nachdem man sich mental bereits damit abgefunden hat, auf einem
anderen Stern gelandet zu sein, wo die Luft andauernd erfüllt ist mit dem dingelingeling
seltsamer geldfressender Maschinen und die Menschen nicht genug davon bekommen können,
sich von Staates wegen besch... zu lassen. Nachdem man angefangen hat, den physischen
Spagat zwischen Haartrocknertemperaturen draussen und dem Kühlschrankklima drinnen
mittels geeigneter Kleidung auszugleichen. Nachdem man auch verstandesmässig die
Venezianische Einkaufspassage mit leicht bewölktem Himmel verdaut hat, und mit sich im
Reinen ist, dass man hier in der Vorlage zum Film "The Truman Show" wandelt,
kann man seinen überstrapazierten Geist langsam den Feinheiten der Amerikanischen
Schmuckszene zuwenden.
Interessant sind die verschiedensten thematischen Ausstellungszentren. Da präsentieren
sich die Aussteller unter dem Motto "Antiker Schmuck", Diamantschmuck,
Internationale Anbieter oder Platinschmuck. Es gibt eine Prestige Promenade, einen Time
Square und ein Design Center. Keine schlechte Idee. Wer es eilig hat und wen
betrifft das nicht, erhält so einen schnellen und unkomplizierten Überblick.
Verblüffend ist auch das Amerikanische Lernbedürfnis. Das dreitägige Seminarprogramm
war fast durchwegs ausgebucht und die Autorin hatte selten zuvor ein so aufgeschlossenes
Publikum an einer Trendpräsentation. Erstaunlich für die Besucherin aus dem fernen
Europa ist die Geduld, mit der Amerikanische Messebesucher die Organisationsdefizite und
die daraus resultierenden Wartezeiten der Messe ertragen. Überraschend auch, wie
unspektakulär sich die Firmen ihren Besuchern präsentieren. Wer sich auf der Messe nach
richtungsweisendem Schmuckdesign umschaut, muss viele Frösche küssen, bis ein Prinz
dabei herausschaut. Der Amerikanische Markt ist riesig, so dass fast für jedes
Schmuckangebot Kunden bestehen. Aber bei der Masse wäre doch auch mehr gutes Design zu
erwarten.
Um diese Diskrepanz zu verstehen, hilft ein Blick ins Geschichtsbuch. Die ersten
Einwanderer in Amerika waren holländische und englische Puritaner. Strenge Protestanten,
die jeglichen Tand ablehnten. Sich herauszuputzen und zu schmücken war verboten. Hingegen
war es gottgefällig, ein guter Geschäftsmann zu sein. Darauf lässt sich zurückführen,
warum die Amerikaner begnadete Geschäftsleute sind, aber auf Design und Ästhetik bis
heute nicht besonders grossen Wert legen. Ihre Kreativität hat immer wieder neue
Geschäftsideen und prinzipien hervorgebracht. Nicht zufällig tragen sämtliche
Vermarktungsstrategien und theorien englische Namen. Auch im technischen Bereich
sind die Amerikaner in vielen Bereichen dem Rest der Welt immer einen Schritt voraus.
Wir Europäer haben demgegenüber den Schatz unserer vielseitigen Kulturen und unseres
künstlerischen Erbes. Europa ist die Mutter des Designs, von hier aus gehen Impulse in
alle Welt. Und auch der Luxus wurde hier erfunden. Die Ägypter sind die legendären
Urväter und -mütter des Luxus und seither wurde er wieder und wieder neu erfunden und
verfeinert. Kreativität und Produktdesign haben alle unsere Lebensbereiche durchdrungen.
Eine Spülmaschine in Europa ist heute ein Designobjekt erster Güte, verglichen zu dem,
was in einem Amerikanischen Haushalt steht.
Jetzt kann man anfangen zu träumen. Was würde geschehen, wenn man Europäisches Design
mit Amerikanischem Geschäftssinn zusammentun würde? Was wäre, wenn Amerikanische
Schmuckhersteller zum kreativen Höhenflug ansetzen würden? Der Ansatz wäre
wahrscheinlich ziemlich erfolgsversprechend. Aber im Ernst: Der Blick über den Teich
lohnt sich, von hüben und drüben.
Ihre Susan Sagherian