Das Wunder Natur
(Erschienen im Mai 2000 in der GZ -
Goldschmiede Zeitung)
Das alljährliche Wunder ist wieder geschehen. Die Erde hat wieder angefangen zu atmen.
Blütenduft vermischt sich mit dem vertrauten Geruch feuchter Erde. Die Welt verändert
ihr Antlitz fast stündlich, wenn mit den milden Temperaturen und dem Regen zartes Grün
hervorschiesst und Blumen ihre leuchtenden Köpfe entfalten. Fürs Akkustische sind die
Singvögel zuständig, die mit vollen Kehlen jeden Morgen den erwachenden Tag begrüssen.
Die öde Spätwinterlandschaft entfaltet sich und betäubt uns mit wohltuenden
Sinneseindrücken. Und wir geniessen es in vollen Zügen.
Die Vorstellung, all dies würde nicht geschehen, wäre peinigend und deprimierend. Der
Gedanke, dass die Urgewalt Natur zur Frühlingszeit tot und lautlos verharren würde,
wäre kaum zu ertragen. Und doch, für die Anwohner der Theiss präsentiert sich die Lage
in diesen Monaten etwa so. Ein toter, vergifteter Fluss wälzt sich an ihnen vorbei und
vergiftet in weitem Umfeld alles Leben weiterhin mit. Die Nahrungskette sorgt dafür, dass
grosse Gebiete links und rechts des Flusses in Mitleidenschaft gezogen werden. Einmalige
Lebensräume mit seltenen Tierarten wurden für immer ausgelöscht. Den Menschen an der
Theiss wurde mit einem Schlag ihre Lebensgrundlage auf Jahre hinaus zerstört.
Der erste Unfall passierte am 30. Januar in den Goldminen von Baia Mare in Rumänien. Beim
Abbau von Gold wird Zyanid eingesetzt, um das feinstverteilte Edelmetall aus dem Erz zu
lösen. Beim Dammbruch in Baia Mare gelangten fast hunderttausend Kubikmeter Flüssigkeit
aus Zyanid und Schwermetallen in die benachbarten Gewässer und zogen eine tödliche Spur
durch Osteuropa.
Natürlich tragen wir Schmuckleute nicht die geringste Verantwortung für Unfälle dieser
Art. Denn Baia Mare ist nicht die einzige Umweltkatastrophe, die im Zusammenhang mit
Goldminen stattfand. Es sind in erster Linie die Betreiber der Minen und die politischen
Verantwortlichen, die auf die Sicherheit der Minenanlagen pochen müssen. Aber in gewisser
Art tragen wir eine moralische Verantwortung. Als Abnehmer grosser Mengen von Edelmetallen
darf es uns nicht egal sein, wenn anderswo ganze Landstriche auf Jahre hinaus verseucht
werden.
Es wäre zum Beispiel vorstellbar, ein Ökolabel einzuführen, das Edelmetalle bezeichnet,
die von verantwortungsvollen Minenbetreibern mittels umweltschonender Methoden gewonnen
werden. Dies würde zu einem zweifachen Goldpreis führen. Aber warum nicht? Wir sind uns
mittlerweile alle gewohnt, dass Bio- oder Ökoprodukte mehr kosten, als die Massenware.
Eine Geste besonderer Verbundenheit mit den betroffenen Regionen wäre es, von jedem
verkauften Goldschmuckstück einen "Theiss-Thaler" auf ein Konto zu stiften.
Lokal könnten Aktionen durchgeführt werden, um Geld für die Hilfe vor Ort zu sammeln.
Die Kunden könnten dafür sicher gewonnen werden, denn solche Initiativen werden
geschätzt und beachtet. Der gute Willen der Industrie würde mit Wohlwollen von der
Öffentlichkeit aufgenommen. Wenn die ganze Deutsche Schmuckindustrie zusammenstehen
würde in einer solchen Aktion wäre das, bei noch so kleinen Beträgen des Einzelnen,
eine wertvolle Hilfe bei der Wiederbelebung der vergifteten Gewässer und ihrem Umland.
Denken Sie dran, wenn Sie heute vors Haus treten, den Blütenduft einatmen und der Amsel
bei ihrem Abendgesang zuhören. Es kann uns Schmuckleuten nicht egal sein, wenn irgendwo
auf diesem Planeten die Erde im Namen des Goldrauschs verseucht wird.
Ihre Susan Sagherian