Das Prinzip Hoffnung
(Erschienen im März 2000 in der GZ
- Goldschmiede Zeitung)
Madonna und Richard Gere tragen eins, Lieschen Müller auch, und die Gemüsefrau um die
Ecke gleich zwei. Das eine gegen Rheuma, das andere für die Liebe. Die Rede ist von den
Power Beads. Die "Kraft-Kugeln" werden am Arm getragen und bestehen aus
verschiedensten Edel- und Schmucksteinen. Den unterschiedlichen Steinen werden diverseste
Eigenschaften und Wirkungen zugesprochen. So kann der Träger oder die Trägerin die
"Edelsteinmedizin" ganz nach persönlichen Bedürfnissen und der Tagesform
wählen.
Natürlich gibt es nichts Leichteres, als diese neuste Form der Edelsteinmagie mit dem
Label "Esoterik" in eine lächerliche Ecke zu verbannen. Mehr davon hat, wer
versucht, diese Armbänder in den ganz grossen Zusammenhang zu stellen. Wir befinden uns
heute in einer Zeit, in der Unsicherheit, Stress und Komplexität hohe Anforderungen an
uns alle stellen. Globalisierung und Virtualisierung sind Reizworte, auf die wir zunehmend
mit Verweigerung antworten. Seattle wurde zum Symbol für diesen "Nein-Reflex".
Unabhängig von der ökonomischen oder politischen Stabilität eines Landes und ungeachtet
aller demographischen Zuordnungen, lassen sich in der kollektiven Psychologie der
Weltbevölkerung Gefühle der Verunsicherung, Schwäche und Angst feststellen. Erhebungen
in der Schweiz und Deutschland ergeben, dass die Jugendlichen ihre Zukunft mehrheitlich
schwarz sehen. Kein Wunder also, dass sich viele Menschen zurücksehnen in die Zeiten, in
denen alles einfacher war. Als die Probleme noch beim Namen genannt werden und auch die
Lösungen in einem Satz zusammengefasst werden konnten. Die Erfolge der rechten Parteien
in der Schweiz und in Österreich sind ganz sicher zum Teil aufgrund dieser Seelenlage
einer breiten Bevölkerungsschicht zustande gekommen.
Zum Glück hat in der Geschichte der Menschheit ein Prinzip nie aufgehört zu wirken. Die
Rede ist von der Hoffnung. Wir lesen nun einmal Horoskope, weil wir darin einen Blick in
unsere Zukunft zu erhaschen hoffen und wir spielen Lotto, weil ja auch immer wieder Leute
so ein Vermögen gewinnen. Sie lässt sich an allem Möglichen festbinden und am
allerbesten an einem Schmuckstück. Angst und Stress, die ganze Krisenstimmung, schlägt
sich im Bedürfnis nach Schmuck, der mehr kann als nur schmücken, nieder. Das Amulett
oder der Talisman soll uns vor den Gefahren dieser Welt beschützen. Glücksbringer sollen
helfen, das Schicksal zu beschwören. Ein wenig Spiritualität und Aberglaube gehört halt
dazu. Mit Vernunft allein lässt sich das Leben einfach nicht meistern.
Was heisst das für uns Schmuckverkäufer? Über Emotionen zu reden und sie in unserem
Alltag zuzulassen, fällt vielen nicht leicht. Das Gleiche gilt, wenn es darum geht,
Spirituelles und Übernatürliches beim Namen zu nennen. Zu leicht, denkt man, verschenkt
man dabei seine Seriosität. Wirft man jedoch einen Blick in Geschichtsbücher, stellt man
fest, dass Edelsteine in allen Kulturen und zu allen Zeiten mit besonderen Kräften in
Zusammenhang gebracht wurden. Die Menschen früher kannten die wissenschaftlichen Methoden
der Gegenwart nicht. Aber sie hatten noch Zeit, einen Gegenstand wirklich zu spüren.
Vielleicht haben sie dabei Dinge wahrgenommen, die über unser Wahrnehmungsvermögen
hinausgehen. Vielleicht waren auch sie nur Jünger des Prinzips Hoffnung in schwierigen
Lebenssituationen. Wer weiss das schon mit Bestimmtheit? Klar ist nur eines, es gibt heute
viele Kunden, die das Bedürfnis nach magischem Schmuck haben. Wer offen und wertfrei
darüber reden kann, richtet sich ganz direkt an diese Menschen.
Ihre Susan Sagherian