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Die
GZ
trendline
erschien monatlich in der
Goldschmiede Zeitung



Weitere Artikel aus dieser Reihe:



Schmuck als Thermometer der Seele
(Erschienen im Oktober 2000 in der GZ - Goldschmiede Zeitung)

Ich werde Nonna niemals vergessen. Sie wurde zweiundneunzig Jahre alt. Sie war eine Frau mit Charakter und Stärke, obwohl sie gegen Ende ihres langen Lebens ganz zart und durchsichtig wurde. Gefragt von ihren Kindern, was sie sich denn zu ihrem neunzigsten Geburtstag wünsche, sagte die alte Dame: "Ich möchte einen Ring." Die Ehre, diesen Ring für sie zu finden, fiel damals mir zu.

Schmuck ist immer ein Ausdruck der Seele. Wie oft schaut man nur auf das Äussere eines Menschen und vergisst darüber, dass der eigentliche Schmuckträger unter der Haut sitzt. Das zu erkennen, ist nicht immer leicht. Wir alle haben es schon erlebt: kommt eine grossgewachsene Frau von kräftiger Statur ins Geschäft und sucht etwas Kleines, Feines für die Hand. Wenn möglich etwas, was man am besten gar nicht sieht. Dann wissen Sie, dass in der Haut der Bärin die Seele einer Maus sitzt. Und umgekehrt kann es vorkommen, dass eine kleine, zierliche Frau hocherhobenen Kopfes mit einem Collier aus überdimensionierten Bernsteinkugeln davonschreitet. Dann rollen Sie am besten gleich den roten Teppich für Ihre Majestät, Prinzessin Löwenherz aus. Es ist tatsächlich so, dass Schmuck nicht nur zur Haut, den Haaren und dem Kleidungsstil einer Frau passen sollte. Perfektes Schmücken bezieht immer auch die Seele eines Menschen mit ein.

Neben der Seele spielt auch die Stimmung der Schmuckträgerin eine Rolle. Traurigkeit, Niedergeschlagenheit oder Unsicherheit animiert nicht zum Schmucktragen. Und wenn, dann ist der Schmuck klein und zurückhaltend. Das war bestens in der ersten Hälfte der Neunziger Jahre zu beobachten, als der "Grunge"-Stil ein absolut schmuckfeindliches Klima schuf. Davor in den Achtziger Jahren, dem Jahrzehnt der grossen Egos und des wirtschaftlichen Aufschwungs war der Schmuck hingegen auffallend gewesen. Mit der optimistischen Wirtschaftslage in vielen Europäischen Ländern, den sinkenden Arbeitslosenzahlen und der verhaltenen Teuerung bahnt sich jetzt wieder eine Zeit an, in der Schmuck durchaus zum Zeichen einer positiven Stimmungslage werden kann. Alles deutet darauf hin: der Schmuck wird wieder grossvolumiger, reiche Pavés machen ihn unübersehbar und Farbsteine in leuchtenden Kombinationen ziehen das Auge an. Zu guter Letzt gewinnt das Gelbgold wieder an Bedeutung.

Dass Schmuck auf so vielen Ebenen mit dem Menschen verknüpft ist, macht unseren Beruf so einzigartig. Die Anforderungen sind hoch. Über das Produkt sollten wir alles wissen und über den Menschen auch. Im Idealfall sollten wir die Qualität eines Schmuckstücks mit den Qualitäten eines Menschen in Einklang bringen. Wo das gelingt, schliesst sich ein Kreis, der Lebensgefühle, Persönlichkeit, zwischenmenschliche Begegnungen und ihre Manifestation in Form von ausdrucksvollem Schmuck mit einschliesst. Nonna wünschte sich noch mit neunzig Jahren einen Ring. Gibt es ein schöneres Zeichen für Vitalität, Lebensfreude und Lebenskraft?

Ihre Susan Sagherian


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