Schmücken kommt von Schmuck
(Erschienen im August
1999 in der GZ - Goldschmiede Zeitung)
Lassen Sie mich raten. Sie sitzen zur Zeit irgendwo unter dem Dach einer kleinen
Strandkneipe. Es ist heiss und Sie haben sich soeben einen Drink genehmigt. Von der
Meeresbrise angenehm befächelt, betrachten Sie durch Ihr Glas hindurch die Menschen, die
sonst noch so den Strand bevölkern. Nach einer Weile tut die sommerliche Hitze zusammen
mit dem Drink seine Wirkung und Sie fangen an, sich die wirklich wichtigen Dinge des
Lebens zu überlegen. Zum Beispiel stellen Sie sich Fragen wie: "Warum tragen immer
die falschen Leute die falschen Badeanzüge?"
Nun ich lasse Sie in Ihrem Sommertraum gemütlich dem Sonnenuntergang entgegendämmern und
mache einen nicht ganz naheliegenden, aber zentralen gedanklichen Quantensprung. Warum
tragen immer die falschen Leute den falschen Schmuck? Ich versuche mir immer vorzustellen,
wie diese Damen - und Männer - zu dem Schmuck gekommen sind, den sie gerade tragen. Ist
es so, dass diese Menschen ein Schmuckgeschäft betreten haben und nicht davon abzubringen
waren, den Schmuck zu kaufen, der ihnen nicht steht? Oder ist es so, dass diese Menschen
ein Schmuckgeschäft betreten haben und man ihnen dieses Schmuckstück wärmstens
empfohlen hat?
Okay, okay, ich weiss aus eigener Erfahrung, dass Verkaufen bisweilen ganz schön
schwierig sein kann. Aber, Hand aufs Herz, haben Sie sich schon einmal ernsthaft
überlegt, welche Ohrringe zu welcher Kopfform passen? Und wenn, haben Sie für jede
Kopfform das geeignete Sortiment am Lager?
Farblehre und Typberatung haben inzwischen Einzug in unser Bewusstsein gehalten. Wir sind
sogar schon so weit, dass wir mit der Farblehre inzwischen nicht mehr ganz so orthodox
umzugehen brauchen. Aber der Punkt ist ein ganz anderer. Wo Schmuck zur Ware wird und
über alle möglichen Kanäle an den Verbraucher herangelangt, geht es nicht mehr um den
Schmuck selbst, sondern vielmehr ums Schmücken. Der Beruf des Schmuckverkäufers im
Fachhandel wandelt sich heute immer mehr vom "Schmuckbeschaffer" zum
"Schmücker".
Ich bin immer wieder beeindruckt, wenn ich an einen richtigen Vollprofi aus der Mode-,
Sport oder Schuhbranche herangerate. Die Art und Weise, wie diese Leute die Wirkung eines
Kleidungsstückes oder eines Schuhs auf den Körper und das Aussehen des Trägers zu
beschreiben vermögen, ist faszinierend und für mich als Kundin sehr bereichernd. Nun
will ich nicht behaupten, wir Schmuckleute wüssten nicht, wie ein Ring beschaffen sein
muss, damit er optimal auf eine Hand passt. Viele wissen es. Auch ich habe meine
persönliche Theorie dazu. Aber da liegt genau die Gurke im Essig. Haben wir uns als
Industrie über diese Dinge jemals grundsätzlich Gedanken gemacht? Wo kann der
Interessierte dieses Wissen erlernen? Gibt es irgendwo Verkaufshilfen, um einem
Konsumenten zu erklären, warum ihm ein Ring so toll steht und ein anderer nicht?
Schmuck als reines Statussymbol hat ausgedient. Die Zeiten, in denen die
"Schmuckuniform" einer Frau gegeben war, sind vorbei. So banal es tönt, Schmuck
dient heute wieder dem Schmücken. Er soll die Schönheit und Persönlichkeit einer Frau
unterstreichen. Dabei kommt es nicht nur auf den Schmuck selbst an, sondern auch darauf,
dass er zur Trägerin passt. Vergessen Sie nie: Jede Kundin, die perfekt geschmückt in
der Öffentlichkeit unterwegs ist, macht Werbung fürs Schmucktragen und für Sie.
Ihre Susan Sagherian