Achtundfünfzig Minuten für die Frau
(Erschienen im Dezember 1999 in der
GZ - Goldschmiede Zeitung)
Verehrte Herren, ich bin mir sehr wohl bewusst, dass Sie neunundvierzig Prozent der
Weltbevölkerung repräsentieren. In Bezug aufs Schmucktragen stellen Sie jedoch in
unseren Breitengraden eine verschwindend kleine Minderheit dar. Aus diesem Grund sind Sie
herzlich eingeladen, weiterzulesen, auch wenn es hier schmuckträgerinnenquotengerecht
nicht um Sie gehen wird.
Wenn wir etwas in die jüngere Vergangenheit zurückblenden, dann stellen wir fest, dass
Schmuckstücke überwiegend von Männern gekauft wurden. Sehr oft haben sie das gute
Stück auch in Eigenregie ausgesucht. In den meisten Fällen diente der Schmuck dann dazu,
der Öffentlichkeit zu signalisieren, was man sich als Mann für seine Frau leisten
konnte. Die Frau wiederum trug die Preziosen, um allen anderen Frauen unmissverständlich
klar zu machen, wie erfolgreich ihr Mann ist. Natürlich war das nicht in jedem Fall so,
aber unbekannt ist Ihnen dieses Szenario sicher nicht.
Heute hingegen steckt fast hinter jedem Schmuckkauf eine Frau. Die wachsende finanzielle
Unabhängigkeit führt dazu, dass Frauen jeden Alters immer öfter Schmuck für sich
selbst kaufen. Gerade junge Frauen tragen heute gerne Schmuck und wollen nicht mehr darauf
warten, bis ein Mann auf die Idee kommt, ihnen welchen zu schenken.
Das Schmucktragen an und für sich ist zudem viel freier geworden. Natürlich
repräsentiert Schmuck noch für viele das Statussymbol schlechthin. Viele Leute gehen
auch heute noch davon aus, dass selbst ein Schmuckstück für DM 125 für die nächsten
beiden Ewigkeiten Bestand haben muss. Viele Frauen kaufen Schmuck aber auch als etwas sehr
Persönliches ein, das in erster Linie zu ihnen passt. Oder als Accessoire, das ihnen hier
und heute Spass machen und zur aktuellen Garderobe passen soll. Deshalb sind Frauen heute
auch in den meisten Fällen - als Entscheidungsträger - an einem Kauf beteiligt, den
schlussendlich ein Mann tätigt. Auch in den Fällen, in denen ein Mann den Sprung ins
kalte Wasser wagt und gänzlich ohne vorherige Abklärungen für seine Angebetete Schmuck
ersteht, kommt man als Schmuckverkäufer nicht umhin, sich intensiv mit der abwesenden
zukünftigen Schmuckträgerin zu beschäftigen.
Frauen spielen als Konsumentinnen nicht nur im Schmucksektor eine zunehmend entscheidende
Rolle. In vielen anderen Bereichen haben Industrien erkannt, dass sie nur noch mit dem
Umwerben der Frauen Wachstumschancen haben. Angestammte Männerdomänen wie die
Autoindustrie oder die Banken sind da nur die augenfälligsten Beispiele. Was schliessen
wir daraus? Ganz einfach. Dass Sie von jeder Stunde, in der Sie über Ihre Kunden
nachdenken, geschätzte achtundfünfzig Minuten den Frauen, deren Leben und Bedürfnissen
widmen sollten.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen alles Gute fürs Weihnachtsgeschäft und einen guten
Start in ein rasantes, aufregendes neues Jahrtausend.
P.S. Es gibt Theorien, die besagen, dass das kommende Jahrtausend die Ära der Frauen sein
wird. Denn die Zahl "2" ist die Symbolzahl der Frau.