Bedienungsanleitung für
Partyqueens
(Erschienen im Juli 1999
in der GZ - Goldschmiede Zeitung)
Nun ist es soweit, wir haben die Grenze zum zweiten Halbjahr 99 überschritten. Spüren
Sie das Kribbeln? Der Countdown zum Millenium hat begonnen, wir begeben uns auf die
Zielgerade zum neuen Jahrtausend. Die Champagnerpreise sind munter am Steigen, die
Hebammen in Privatkliniken ausgebucht und wir Frauen sind damit beschäftigt, unsere
Garderobe für die größte aller Silvesterparties zu planen.
Glauben Sie mir, ich selbst gehöre zur Spezies der Silvestermuffel. Es gibt für mich
nichts Schöneres, als auf einer einsamen Alphütte kartenspielend den 12-Uhr-Schlag zu
verpassen. Und trotzdem überlege ich mir ernsthaft, ob dieses historische Datum nicht
doch adäquater mit einem rauschen Ball gefeiert werden sollte. Nicht daß ich schon
Ballkarten hätte. Im Gegenteil, ich bin weit davon entfernt zu wissen, wo dieser Ball
überhaupt stattfinden soll.
Warum erzähle ich Ihnen das alles? Weil ich mittlerweile fest davon überzeugt bin, daß
ich nicht die Einzige bin, die bislang etwas zögerlich mit dem großen Datumswechsel
umgegangen ist. Ich sehe mich sozusagen als Teil einer nicht unerheblichen
Konsumentengruppe, die spätestens nach den Sommerferien in den totalen Silvesterstress gerät.
Manipuliermasse sozusagen in den Händen von findigen Marketingmanagern, die mich am
Händchen nehmen und mir den Weg zum ultimaten Jahreswechsel weisen werden. Ich bin
allerdings auch davon überzeugt, daß Silvester 99/00 zur gigantischsten aller Parties
wird, die die Welt je gesehen hat. Und was braucht man für eine anständige Party?
Champagner, ein tolles Ambiente und Musik. Aus der Sicht einer Frau kommt da noch ein
traumhaftes Abendkleid, eine Wahnsinnsfrisur, Abendschuhe, Abendhandtäschchen und -
natürlich der richtige Schmuck dazu.
Der Beweis, daß dem tatsächlich so ist, hat Ende Mai einer der größten Bälle Europas
geliefert. In der Nähe von Fontainebleau fand im Château de Courance der alljährliche
INSEAD-Sommerball statt. Der Ball der MBA-Eliteschule vermag regelmäßig rund 3'000
Gäste aus aller Welt anzuziehen. Die Damen hatten wahrlich keinen Aufwand gescheut. Die
Kleider, die Accessoires, der Schmuck, alles war vom Feinsten und Neusten. Als alte
Schmucktante war ich natürlich vor allem auf letzteren fixiert. Und ich sage Ihnen, die
Damen liebens glamourös und sehr modern. Filigrane Gespinste mit aufgezogenen
Perlen und Steinen waren die Favoriten, Kropfbänder, Collitaire und kleine pavégefasste
Anhänger glitzerten verführerisch. Große Ringe, Armreifen und Ohrringe prunkten um die
Wette. Ob echt oder nicht echt, spielte gar keine Rolle. Hauptsache der Look stimmte.
Was für eine ziemliche Weile abgesagt war der Abendschmuck, das Abendkleid,
Smoking, Frack und Fummel ist zurück. Die Menschen haben die rauschenden Feste
wiederentdeckt. Selbst eingefleischte Jeans-und-Turnschuh-Freaks lassen es sich nicht nehmen, ab und zu als Salonlöwe und Glamourgirl auf den Putz
zu hauen. Wo man hinblickt, entstehen Industrien um die neue Lust am Feiern.
Cateringfirmen, Partydrinks, festliche Abendmode, Tanzclubs, traumhafte Accessoires.
Derweil brütet die Schmuckindustrie über dem Milleniumpin und dem 2000-Trauring. Wo
bitte schön bleibt der Schmuck, der mich zur Partyqueen 2000 macht?!
Ihre Susan Sagherian