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Schmuckszene München
(Erschienen im Februar 2000 in der GZ - Goldschmiede Zeitung)

Die Münchner sind begnadete Marketingspezialisten. In der ganzen Welt weiss jedes Kind, dass die Bayern bierselige Gemütsmenschen sind. Der weiss-blaue Mythos wurde zum wasserdichten und copyright-geschützten Allgemeingut. Dass man es sich in dieser Stadt gut gehen lassen kann, steht ausser Zweifel. Aus dem Biergarten raus, ins nächste hochkarätige Museum rein und von da direkt in die Capuccinobar. München ist übersichtlich, freizeitorientiert und bietet die Vorzüge einer Grossstadt ohne deren Nachteile. In der U-Bahn-Station prallen bestens assortierte Modeladies im neusten Pradalook auf hausbackene Landpomeranzen und Vorstadtcowboys. Der barocke Mix einer grossgeratenen Provinzstadt mit internationalem Flair, die sich bei näherem Hinsehen als eigentliches Schmuckmekka entpuppt.  

 

Teil einer Artikelreihe über die Schmuckszenen bedeutender Städte. Weitere Artikel aus dieser Reihe:

- Amsterdam
- Barcelona
- Florenz
- Helsinki
- London
- München
- New York
- Paris
- Zürich

 


Die Sammelfreude der Wittelsbacher

Die Geschichte Münchens als Stadt beginnt im Jahr 1158 als der Welfe Heinrich der Löwe am Ufer der Isar an der Stelle einer alten Mönchssiedlung eine Brücke erbauen liess, einen Markt und eine Münzanstalt errichtete und diese befestigen liess. Knapp hundert Jahre später wurde München wittelsbachische Residenzstadt unter Ludwig ll. Bereits im 15. Jahrhundert erlebt München eine ausgesprochene Blütezeit, in der zum Beispiel auch mit dem Bau der Frauenkirche begonnen wurde.

Schmuckgeschichtlich interessanter ist hingegen das 16. Jahrhundert. Unter Herzog Albrecht V. hatte die Gegenreformation in München ihren wichtigsten Stützpunkt. Bedeutende Künstler der Renaissance wirkten in der bayerischen Landeshauptstadt. Auch wurde in dieser Zeit mit dem Aufbau der umfangreichen Bayerischen Staatsbibliothek begonnen. Herzog Albrecht V. ist für uns deshalb eine wichtige Figur, weil er den Maler und Miniaturist Hans Mielich beauftragte, ein Schmuckinventar anzufertigen. Dieses „Kleinodienbuch der Herzogin Anna“  wird noch heute in der bayerischen Staatsbibliothek aufbewahrt und ist ein überaus interessantes, historisches Zeugnis. Andererseits war Herzog Albrecht V. auch der Begründer der Schatzkammer der Residenz. Er verfügte 1565, dass besonders kostbare „erb- und haus clainoder“ zu einem unveräusserlichen Schatzfonds vereinigt werden und „darin sovil möglich in ewig zeit bei gedachtem unserem fürstlichen hauss der neuen vest allhie zu München bleiben“ sollten. Diese Stiftung des ersten grossen Mäzens und Kunstsammlers aus dem Hause Wittelsbach erweiterten nachfolgende Herrscher, bis die Sammlung im frühen 19. Jahrhundert mit den Kroninsignien des neugeschaffenen Königreichs und einer Reihe hervorragendster mittelalterlicher Kunstwerke aus säkularisiertem Dom- und Klosterbesitz seinen Abschluss fand. Der Besuch der Schatzkammer lohnt sich auf jeden Fall.

Die durch den Humanismus geförderte Aufgeschlossenheit für die Dinge der Natur und die Entdeckung fremder Länder erweckte die Vorliebe für Kuriositäten und besondere Materialien aus aller Welt. Bevorzugt wurden unter diesen Stoffen neben dem Elfenbein der Bernstein und Narwalzahnplatten. In den Kunst und Wunderkammern der Fürsten sammelten sich diese Stücke, meist kunstvoll zu Trinkgefässen, Tafelaufsätzen u.a. verarbeitet. Grosser Beliebtheit erfreuten sich auch Emailarbeiten. Vom Beginn des 17. Jahrhundert an traten die kunstvollen Montagen aus organischen Materialien und Schmuckfassungen gegenüber Arbeiten aus Silber, Gold und Edelsteinen zurück.

Zunächst stand Nürnberg als Goldschmiedestadt an erster Stelle in Deutschland, wurde aber seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert von Augsburg überflügelt. Daneben traten seit Mitte des 16. Jh. auch Münchner Werkstätten mit hervorragenden, meist für den herzoglichen Hof gelieferten Hof gelieferten Arbeiten in Erscheinung. Die Namen dieser Goldschmiede sind jedoch in den erhaltenen Dokumenten nicht verzeichnet. Das Schmuckgeschäft war schon zur damaligen Zeit sehr international. Schmuckgegenstände wurden von Händlern und auf Messen erworben. Besonders wichtig war die Messe in Frankfurt, daneben auch Leipzig. Auch zu Paris und Antwerpen, dem Zentrum für Edelsteinschleiferei, bestanden rege Handelskontakte.

Die nachfolgende Zeit des Rokoko war eine Blütezeit Münchens, in der viele bedeutende Bauwerke entstanden und die Isar-Stadt zu einem Brennpunkt des künstlerischen Lebens in Europa wurde. Die Schmuckszene wurde beherrscht von den Augsburger Goldschmieden. Auch Schmuck aus Italien und Frankreich ist erhalten. Aus der Münchner Goldschmiedeszene ist lediglich Johann Staff bekannt, der Hofgoldschmied von Maximilian lll. Joseph war. Die Kroninsignien von König Maximilian l. Joseph wurden dem Hofjuwelier Borgnis in Frankfurt in Auftrag gegeben und in Paris ausgeführt.

Renaissance des Kunsthandwerks

Von Mitte des 19. Jahrhunderts an erhielt das Kunsthandwerk eine enorme Aufwertung. Maximilian ll. und später sein Sohn Ludwig ll. förderten das Handwerk und vor allem das traditionelle Kunsthandwerk. Viel Schmuck ist allerdings aus dieser Zeit vor der Jahrhundertwende nicht erhalten geblieben. Gegen Ende des ausgehenden 19. Jahrhundert zeichneten sich zwei Tendenzen in Münchens Schmucklandschaft ab. 1897 wurden die „ Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk“ gegründet, deren Mitglieder sich einer „material- und stilgemässen Sachlichkeit“ verschrieben. Diese Sachlichkeit kann als eigentliche Gegenbewegung zum Jugendstil verstanden werden und lehnte auch die Vorbilder der Pariser Juweliere ab. Der daraus sich entwickelnde Stil wurde typisch für München und war vermutlich auch der Anfang einer noch immer herrschenden Tendenz zur Schlichtheit und Zurückhaltung im Schmuckdesign in München. Diese Stilrichtung wurde vor allem von Kunsthandwerkern verfolgt. Im Gegensatz dazu standen zwei herausragende Juweliere der Jahrhundertwende: Karl Rothmüller und Theodor Heiden. Rothmüller wurde weit über die Grenzen Münchens hinweg bekannt und stellte seine vom Jugendstil beeinflussten Werke auch an der Pariser Weltausstellung im Jahre 1900 aus. Theodor Heiden’s Nachfahren führen noch heute ein Juweliergeschäft am Promenadeplatz.

Seit dem Beginn des Jahrhunderts waren Schulen eine treibende Kraft hinter der Entwicklung des Schmuckhandwerks. Der Einbezug zeitgenössischer formaler Tendenzen und die Loslösung von historischen Vorbildern stellte den Schmuckbegriff auf eine neue Ebene. 1902 wurden in München die „Lehr- und Versuchs-Ateliers für freie und angewandte Kunst“ von Hermann Obrist und Wilhelm v. Debschitz gegründet. Hier bildete sich ein Stil heraus, der das Organische des Jugendstil in eine abstraktere Ornamentik hinein entwickelte. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand die „Akademie der Bildenden Künste“, die seither zu einem der international renommiertesten Lehrstühle für Schmuckgestalter wurde. Der erste Lehrer Franz Rickert (1946 – 1972), war ein sehr handwerklich orientierter Lehrer. Ihm folgte sein Schüler Hermann Jünger (1972-1990). Er führte den Schmuckbegriff näher an die Kunst heran und prägte damit eine ganze Generation von Schmuckdesignern. Seit 1991 steht der Fakultät Otto Künzli, der seinerseits ein Schüler von Hermann Jünger ist, vor. Seit den Zeiten Hermann Jünger hat die Zahl der ausländischen Studenten an der Akademie stetig zugenommen. Heute beträgt ihr Anteil rund fünfzig Prozent. Traditionell bleiben viele Schüler nach ihrem Studium in der bayrischen Metropole hängen und bereichern die Schmuckszene mit ihren Arbeiten.

Grösste Goldschmiededichte Deutschlands

Wer heute in München unterwegs ist, wird fast erschlagen von der Dichte der Goldschmiede. Wie sagte jemand so schön? In München fällt es leichter, ein Schmuckstück zu kaufen als eine Butter. Ganz unabhängig davon, in welchem Stadtteil man herumschlendert, Schmuckläden sind allgegenwärtig. Das ist aber noch nicht alles. Denn hinter den Kulissen gibt es noch eine ganze Anzahl Etagengeschäfte und Ateliers, die ohne Schaufenster auskommen. Die genaue Zahl der Schmucktätigen in München lässt sich nicht eruieren, aber allein bei der Innung der Goldschmiede und Juweliere sind über 300 Betriebe eingetragen. Damit weist München eindeutig die grösste Dichte an Goldschmieden Deutschlands auf. Die Bandbreite des Gebotenen ist ebenfalls beeindruckend. Vom Juwelenschmuck auf höchstem Niveau bis zum Schmuck, der sich als Kunstwerk versteht, vom Trachtenschmuck bis zum exzentrischen Einzelstück und vom Anspruchsvollsten bis zum Banalsten findet sich hier alles. München ist ein Muss für Schmuckfans.

Das scheint auch Kunden im näheren und weiteren Umkreis von München bekannt zu sein. Nach Angaben von Ladeninhabern, stammen nur gut fünfzig Prozent der Kunden aus München. Über die Kunden und deren Wünsche etwas zu erfahren, war sehr schwierig. Denn so unterschiedlich die Geschäfte sind, so verschieden sind auch deren Kunden. Immerhin liess sich erfahren, dass viele Frauen Schmuck für sich selbst kaufen und das bis zu Preislagen bis DM 10'000. In anderen Geschäften wiederum kaufen noch immer überwiegend Männer den Schmuck für ihre Frauen ein. Zeitgenössischer Schmuck scheint vor allem Architekten und Ärzte anzusprechen. Die beiden Berufsgruppen wurden in vielen Galerien als hauptsächliche Kundengruppe genannt. Wer mit grossen Schmuckansprüchen nach München kommt, der wird nicht enttäuscht. Neben der Korona der Weltmarken, die selbstverständlich hier präsent ist, hat München auch den – im wahrsten Sinn des Wortes – hausgemachten Luxus anzubieten. Goldschmiedekunst auf höchstem Niveau, sowohl was die technischen als auch die kreativen Aspekte anbelangt. Die Tradition herausragender Juweliere und Goldschmiede hat sich bis heute in München erhalten.

Herr der Steine

Man braucht Stefan Hemmerle nur auf das Thema Edelsteine anzusprechen. Damit kann man ihn selbst im grössten Trubel in eine angeregte Konversation verwickeln. Seine Begeisterungsfähigkeit für Edelsteine kennt keine Grenzen. Am liebsten jagt er Raritäten wie die riesige braune Conchperle von 111.76ct und „alte“ Steine. Mit Vorliebe solche, die in den Dreissiger Jahren geschliffen wurden. Beharrlich sammelt er Pärchen, um diese anschliessend in seine unverkennbaren Ohrringe zu verarbeiten. Sie sind so schlicht, dass man sie ohne weiteres auch im Supermarkt tragen kann, ohne dass jemand ahnen würde, welch ausserordentliche Rarität sie darstellen. Nur die Trägerin weiss es - und sie schätzt es. Stefan Hemmerle’s Schmuck ist weit über die Grenzen Münchens hinaus bekannt. Sein Stil, den er selbst als „Neue Sachlichkeit“ bezeichnet, ist unverkennbar.

Die Wurzeln des heutigen Geschäfts reichen weit ins vorige Jahrhundert hinein. Im Jahr 1896 übernahmen die Gebrüder Hemmerle das Geschäft des Juwelier-Ehepaares Elchinger, damals führend in der Goldschmiedekunst und Herstellung von Orden, zu deren Kunden auch das bayerische Königshaus zählte. Die beiden Brüder Hemmerle überzeugten mit ihren Arbeiten und wurden bald selbst zu Hoflieferanten. 1937 übernahm Stefans Vater Carl die alleinige Führung des Geschäfts und Stefan folgte 1971 nach einigen Jahren Auslandsaufenthalt in Frankreich, Italien und Dänemark als Juniorchef nach. Das Geschäft an der Maximilianstrasse bildet den perfekten Rahmen für den Hemmerle-Schmuck. Schlicht und edel mit sorgfältig aufeinander abgestimmten Materialien ausgestattet, ist es eine Insel luxuriösen Understatements. Seit zehn Jahren fertigt das Unternehmen auch eigene Uhren an. Ganz im Stile des Hauses, mit Farbedelsteinen besetzt und doch diskret. Das Logo findet sich nur auf dem Gehäuseboden. Eine Art Hobby von Stefan Hemmerle sind die Juwelenschmuckstücke in Tier- und Pflanzenformen. Sie sind perfekte Kleinodien mit lebendigem Ausdruck in herausragender Handarbeit gefertigt und mit minutiös gewählten oder eingeschliffenen Edelsteinen gefasst.

Schmuck – aus Charme geboren

Madame de Sévigné war eine charismatische Frau zur Zeit des Sonnenkönigs. Sie bezauberte ihre Zeitgenossen nicht mit ihrer Schönheit, sondern mit ihrer Intelligenz, ihrem Witz und unendlichem Charme. Die kunst- und schmucksinnige Marquise gab dem extravaganten Geschäft seinen Namen, ihre berühmte Schleifenbrosche war anfänglich das Firmensignet. An sie und an alle anderen Frauen, die das Leben mit Charme und Intelligenz meistern, denkt Renate Schrems, wenn sie Schmuck entwirft. Ihr Geschäftspartner Robert Fink setzt die Entwürfe im hinter dem Geschäft gelegenen Atelier auf unverkennbare Weise um. Wer kleinen, unauffälligen Schmuck sucht, geht besser nicht zu Sévigné. Denn Unauffälliges findet sich kaum in den kleinen Vitrinen – die bei meinem Besuch mit lila Nerz verbrämt waren - des eleganten Geschäfts am Promenadeplatz. Sévigné trifft mit seinen Kreationen den Stil unserer Zeit. Die Schmuckstücke bezaubern mit ihren klaren Formen und dem feinen Gefühl für Ornamentik und Theatralik. Sie sind glamourös, ein kleines bisschen dekadent und selbstironisch, und sprechen all diejenigen Frauen an, die selbstbewusst, kapriziös und weiblich genug sind, um aussergewöhnlichen Schmuck auch im Alltag zu tragen.

Renate Schrems lässt sich mit Vorliebe von antiken Motiven und archaischen Symbolen zu ihren Kreationen anregen. Von Blüten, Tieren, Amphoren, Pyramiden und Kreuzen. Letztere haben es ihr besonders angetan: „Kreuze besitzen für mich eine ungeheure Dynamik. Sie spiegeln das männliche, aufstrebende und das weibliche, ruhende Prinzip wieder. Sie enthalten das dramatischste Energiepotential überhaupt in sich und sind unerschöpflich in den Gestaltungsmöglichkeiten.“

Zu wissen es ist Platin

Ein besonderes Geschäft liegt am Maximiliansplatz. Max. Platin feiert in diesem Jahr zwanzigjähriges Jubiläum. 1980 gründete Monika Schweiger-Büse das Geschäft, das sich bis heute dem Platin verschrieben hat. Damit eröffnete sie das erste „Platin-Studio“ Deutschlands. Als Besucher sitzt man im ersten Stock über einem baumbestandenen Dreieck, sozusagen dem Alltag entrückt. Heute ist die Werkstatt in das helle, lichtdurchflutete Geschäft im ersten Stock integriert. Durch eine Glasscheibe vom Verkaufsraum getrennt, entsteht hier ein grosser Teil der verkauften Schmuckstücke. Gleichzeitig kann der Kunde am Entstehungsprozess der weissen Preziosen teilhaben.

Zum Platin fand Monika Schweiger-Büse mehr zufällig. Wegen einer Hautallergie war ihr das Tragen von Goldschmuck unmöglich. Auf einer Reise durch die USA hatte sie die Idee, dem edlen Metall zu Hause in München ein exklusives Geschäft zu widmen. Zu Anfang war sie vor allem einmal Botschafterin und Aufklärerin. Denn der Markt für Platinschmuck hatte gerade erst angefangen, sich zu entwickeln. Heute ist Max.Platin in der komfortablen Lage, vom Markt eingeholt zu werden. Platin als edelstes der weissen Metalle ist voll im Trend. Das Sortiment umfasst eine Bandbreite von Stilen. Die zeitlosen, modernen Klassiker mit Diamanten und Perlen bilden das Fundament für den andauernden Erfolg des Platinspezialisten. Daneben überrascht Frau Schweiger-Büse, der seit kurzem in der Person von Jens Schniedenharn ein Geschäftspartner zur Seite steht, ihre Kunden immer wieder mit raffinierten Kreationen mit Farbsteinen.

Mit der Kraft des Widders

Wer auf den Nobelmeilen Münchens unterwegs ist, dem entgeht ein leuchtendes Grün und der Name Fochtmann nicht. Werner Fochtmann’s Familie ist seit sechs Generationen mit Schmuck beschäftigt. 1979 schloss er seine vielseitige Ausbildung als Gold- und Silberschmied und Designer ab. Bereits 1981 gründete er ein erstes Juweliergeschäft am Altheimer Eck in München. 1982 übernahm er ein bereits bestehendes Schmuckgeschäft in der Kardinal Faulhaber-Strasse und 1989 wagte er den Sprung an die Maximilianstrasse, wo das Unternehmen mittlerweile zwei Mal vertreten ist. Werner Fochtmann hat in den vergangenen knapp zwanzig Jahren nicht nur seine Präsenz in München laufend verbessert, sondern auch eine starke Produktidentität aufgebaut. Seine Kollektionen „Schnecke“ und „Akanthus“ sind schmuckgewordene Naturimpressionen, bei denen der Name Programm ist. Warmes Gelbgold in Kombination mit Farbsteinen und Perlen ist typisch. Die Kollektion „Palladio“ hat einen architektonischen Charakter und erweist mit ihrem Namen dem italienischen Renaissance-Baumeister Andrea Palladio die Ehre. In diesem Jahr tritt der dynamische Schmuckunternehmer Fochtmann mit seiner Kollektion an, den deutschen Markt zu erobern. Er ist erstmals an der Inhorgenta vertreten. Denn dass sein Schmuck auch ausserhalb von München seine Anhänger hat, weiss er längst. In Zukunft soll er auch bei renommierten Juwelieren in grossen Städten Deutschlands vertreten sein.

Erlesenes auf der Etage

Um erlesenen Schmuck zu finden, braucht man nicht durch schwere Juwelierspforten zu treten. Wer den Charme einer Goldschmiedewerkstatt dem noblen Ambiente des Schmuckgeschäfts vorzieht, der kommt in München nicht zu kurz. Hoch über dem geschäftigen Treiben in der Perusastrasse sitzen sich Hans Ufer und Christina Langes gegenüber. Ihr gemeinsames Atelier „Langes & Ufer“ im fünften Stock ist eine Oase der Kreativität. Mitten im Zentrum und doch abgeschieden, verbindet es intensives Arbeiten mit Lebensqualität in Form einer grosszügigen Dachterrasse. Typisch München halt.

Hans Ufer ist der stille, ruhende Pol im langjährigen Team. Er lässt seine Arbeiten für sich sprechen. Seine Handschrift lässt sich am besten mit den Worten schlicht, zurückhaltend und sensibel charakterisieren. Dazu kommt, dass die Werke des Goldschmiedemeisters immer technische Entwicklungen vom Feinsten darstellen. Christina Langes ist die Kommunikative und Extrovertierte im Team. Ihre Arbeiten bilden einen subtilen Gegenpol zu denjenigen von Hans Ufer. Eindeutig weiblich und zum Teil frech verspielt verraten sie die impulsive Persönlichkeit, die hinter ihnen steckt. Gemeinsam ist ihren Arbeiten der hohe technische und formale Anspruch. Entwürfe werden gemeinsam begutachtet und kritisch beurteilt. Eine Arbeitsweise, die sich bewährt hat. Der Schmuck von Langes & Ufer findet weit über die Grenzen Münchens hinaus Beachtung. Erreicht haben dies die Beiden mit einer kontinuierlichen, jahrelangen Präsenz auf den internationalen Messen. Seit langer Zeit ist das Designerduo auch Teil von „Aspects“, einer viel beachteten Gruppe von Schmuckgestaltern.

Herrin der Ringe

Angela Hübel hat sich voll und ganz dem Ring verschrieben. Die ehemalige Schülerin von Hermann Jünger schafft es, die Schmuckwelt konstant mit immer neuen Variationen eines ewigen Themas zu überraschen. Keinen ihrer Ringe hat je jemand vor ihr gemacht. Zugegeben, auf den ersten Blick mögen ihre Kreationen zuweilen überraschen. Da kommt es schon vor, dass eine Kundin vor einer Vitrine steht und vorsichtig fragt, worum es sich denn bei diesem Objekt handle. Aber spätestens, wenn sie den Ring an der Hand trägt, erübrigen sich sämtliche weiteren Fragen.

Angela Hübels Ringe sind nicht nur fürs Auge gedacht, sondern auch immer auf maximalen Tragkomfort hin entwickelt. Raffinierte Proportionen und ausgefeilte Linienverläufe sind Schmuck genug. Die meisten Ringe kommen daher ohne zusätzlichen Materialien aus und wirken allein im Edelmetall. Nur selten akzentuiert die Designerin ihre Werke mit Perlen, einer Reihe von Diamanten oder einem Farbedelstein. Angela Hübels Arbeit findet viel Interesse. Bei regelmässigen Messeauftritten trifft sie ihre internationalen Kunden. Ihre Ringe sind in wichtigen Schmuckgalerien vertreten und haben auch bereits in mehreren  Museumskollektionen Eingang gefunden.

Mysterium Schmuck

Für Frank Schrems ist jedes Schmuckstück gleichzeitig ein kleines Geheimnis. Verborgene Details, eingravierte Gedichte und formale Anspielungen machen aus den prächtigen Kleinodien tiefsinnige oder auch humorvolle Zitate der Kulturgeschichte. Frank Schrems‘ Liebe gilt der Renaissance. Als Student der Kunstgeschichte beschäftigte er sich mit dieser an Verfeinerung so überreichen Zeit, in der die Künste blühten. Seine bevorzugten Schmuckthemen, sein Sinn für Proportionen, die Materialien und selbst goldschmiedische Techniken beziehen sich ganz direkt auf die Renaissance.

Warmes Gelbgold, tiefe satte Edelsteinfarben und auch immer wieder Barockperlen stehen im Mittelpunkt seines Schaffens. Daraus entstehen Kreuze, Herzen, Kinderköpfe, Säulenteile, Ringe in der Form eines vollendeten Palazzos, Flammen und Bourbonenlilien von unverhohlener Prächtigkeit. Sein Atelier im Hinterhof der Nymphenburger Strasse 40 atmet den Geist seines Besitzers. Persönliche Sammlerstücke, das Modell eines Flugzeugträgers, alte Werkzeugkästen und Schwarzweissaufnahmen aus eigener Hand lassen die kreativen Inspirationen von Frank Schrems nachvollziehen. Wie seine geistigen Vorfahren der Renaissancezeit, lässt auch er sich nicht von einer Disziplin vereinnahmen. Seine Interessen sind weitgefächert und vielseitig und liegen zum Teil denkbar weit vom Schmuck entfernt. Gerade damit haucht er letztendlich seinen Werken ihr Mysterium ein, bevor sie sein Atelier verlassen.

Reiche Galerienlandschaft

Ein ganz besonderes Merkmal Münchens ist die Dichte seiner Schmuckgalerien. Es ist unmöglich, alle zu nennen. Pars pro toto sollen die nachfolgenden einen Geschmack geben für die Vielseitigkeit dieser Szene.

Nicht nur Schmuckliebhaber pilgern von weit her, um ihre Galerie zu besuchen. Auch Architekten finden aus beruflicher Neugier ihren Weg an die Schäfflerstrasse mitten im Zentrum Münchens. Die Rede ist von Isabella Hund’s Galerie. Der Begriff „Kompromisslose Modernität“ passt in vielerlei Hinsicht, denn die Galeristin ist traditionellen Schmuckwerten gegenüber eher kritisch eingestellt. Ihr Schmuck-Credo verpflichtet sie einer zeitgenössischen Schmuckphilosophie, die „schmücken“ als Wechselbeziehung zwischen Schmuck und Trägerin versteht. In dieser Linie arbeitet sie seit fünfzehn Jahren als Schmuckdesignerin und seit zehn Jahren als Galeristin. Die von ihr vertretenen über zwanzig Schmuckgestalter folgen allesamt dieser Philosophie. Auch die Architekten Gerhard Landau und Ludwig Kindelbacher orientierten sich an diesem Begriff und schufen einen Raum, der von der Schönheit der Proportionen, dem Zusammenwirken der Materialien und Flexibilität geprägt ist. Die Architektur unterstützt den gezeigten Schmuck in seiner Wirkung optimal und tritt doch hinter diesen zurück. Die Ausstrahlung der wunderschönen Galerie ist geprägt von Understatement und Chic.

Eine ganz andere Atmosphäre herrscht bei Dr. Eva D. Plickert an der Prannerstrasse. Die Kunsthistorikerin lässt bei sich zeitgenössischen Schmuck auf Schmuckantiquitäten aus dem 19. und 20. Jahrhundert treffen. Aus der Galeristin strahlt Wissen und eine kultivierte Leidenschaft für Schmuck. Sie liebt es, über ihre Schmuckstücke zu erzählen. Diese in einen ungewöhnlichen Zusammenhang zu stellen. Ihnen Leben einzuhauchen. Und tatsächlich, in ihren Vitrinen scheint die Zeit gegenstandslos zu werden. Was ist alt und was ist neu? Die Schmuckstücke erscheinen je nach dem erstaunlich modern oder unerwartet klassisch. Gegensätze verschwimmen und formieren sich zu ganz neuen Einsichten. In der kleinen, aber feinen Galerie sind - unter anderen - Schmuckdesigner wie Daniel Kruger, Erico Nagai, Alexandra Bahlmann und Irmgard Zeitler vertreten.

Im Stadtteil Haidhausen, unweit des Max-Weber-Platzes befindet sich die Schmuckwerkstatt mit Galerie „Ventil“. Die Besitzer Doris Sacher und Hans Gericke, sind beide ehemalige Schüler von Hermann Jünger. Hier herrscht eine warme und freundliche Atmosphäre. Die beiden Inhaber zeigen neben ihrem eigenen Schmuck die Werke von befreundeten Goldschmieden. Sie bezeichnen ihr Programm als „Goldschmiedisch geprägte, moderne Klassik mit grosser Bandbreite“. Und tatsächlich kann man sich bei der Vielseitigkeit des Gezeigten kaum vorstellen, dass ein Kunde mit unerfüllten Wünschen das Geschäft verlässt. Denn nicht nur der Schmuck im Geschäft steht zur Auswahl, ganz nach Wunsch können auch Einzelanfertigungen bei jedem vertretenen Schmuckkünstler bestellt werden. Die Werkstattgalerie besteht schon seit 1980 und hat seither ein stetig wachsendes, gemischtes Publikum für zeitgenössisches Schmuckschaffen begeistern können.

Die Galerie Spektrum an der Türkenstrasse ist seit ihrer Gründung im Jahre 1981 kontinuierlich näher an das Stadtzentrum herangerückt. Zweimal zog die Galerie um, heute hat sie die Hausnummer 24 und ist so denkbar günstig gelegen, wenn die neue Pinakothek der Moderne 2001 ihre Pforten öffnen wird. Ein stimmiger Ort für die Galerie, denn Schmuck und Kunst war für Spektrum schon immer ein und derselbe Begriff. Die beiden Inhaber Marianne Schliwinski und Jürgen Eickhoff eröffneten vor fast zwanzig Jahren ihre Galerie mit dem Ziel, Schmuckkünstlern eine Plattform zu bieten. Sie wollten Schmuck als freie Kunst präsentieren. Mit durchschnittlich vier Ausstellungen pro Jahr gelang es der Galerie weit über München hinaus ein Begriff zu werden. Nicht nur die ausgestellten Schmuckstücke sorgten regelmässig für Aufsehen, sondern auch die Präsentation des Schmucks. Für jede Ausstellung wurde der Raum vollständig neu gestaltet, um so dem gezeigten Schmuck eine erhöhte Eigenständigkeit zu verschaffen. Viele der Ausstellungen wurden von Publikationen im eigenen Verlag der Galerie begleitet. So zum Beispiel die Ausstellung von Gerd Rothmann’s Ohr-Schmuck 1984, die anschliessend noch im Hessischen Landesmuseum Darmstadt und im Museum Bellerive in Zürich gezeigt wurde. Heute vertritt die Galerie - neben den Arbeiten der Galeristen selbst - rund zwanzig Künstler aus dem In- und Ausland.

Eine Galerie der besonderen Art befindet sich an der Pacellistrasse. Die 1992 gegründete Galerie für angewandte Kunst des Bayerischen Kunstgewerbevereins ist ein Forum für hochwertiges zeitgenössisches Kunsthandwerk. In sieben Ausstellungen pro Jahr werden die Arbeiten von Mitgliedern des Vereins und international anerkannten Kunsthandwerkern präsentiert, wobei verschiedenste Handwerksarten Berücksichtigung finden. Diese Anlässe umfassen neben Einzel- und Gruppenausstellungen auch thematische Ausstellungen. Seit 1992 gibt der BKV begleitend zu den Ausstellungen eine eigene Katalog- und Schriftenreihe heraus. Im Eingangsbereich der grosszügigen Verkaufsräume fällt die grosse Auswahl handgefertigten modernen Schmucks und Geräts auf. International renommierte Gold- und Silberschmiede zeigen ihr handwerkliches Können und ihre phantasievollen Kreationen.

Die Geschichte des Bayerischen Kunstgewerbevereins reicht zurück bis zur Einweihung der „Bavaria“ auf der Theresienhöhe Mitte des vorigen Jahrhunderts. Um Kunst und Handwerk auf nationaler Eben zu fördern, wurde 1851 der BKV gegründet. Die Qualität kunsthandwerklichen Schaffens sollte durch Ausbildung und Austausch zwischen den Künstlern und Handwerkern verbessert werden und der industriellen Fertigung als Vorbild dienen. Das Zusammenwirken von Architekten und Kunsthandwerkern der verschiedenen Richtungen zielte auf eine umfassende, hochwertige Gestaltung der Lebenswelt. Nach der Reichsgründung 1871 erlebte der Verein eine Blütezeit. Die Zahl der Mitglieder wuchs auf 2175 (im Jahre 1887) an, unter ihnen bedeutende Künstler und Architekten, zahlreiche Handwerksbetriebe sowie wichtige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Zu den vielfältigen Aktivitäten des BKV zählten die Organisation eigener Ausstellungen und die erfolgreiche Teilnahme an den Weltausstellungen in Wien und Chicago, Fortbildungsveranstaltungen und die Förderung des Nachwuchses. Seither ging der Verein in seiner fast 150jährigen Geschichte durch verschiedenste Phasen, hörte aber nie auf zu existieren. Heute zählt er rund 400 Mitglieder, die in den Werkbereichen Gold- und Silberschmiede, Glas, Keramik, Metall, Holz, Textil, Papier und Puppengestaltung tätig sind.

Gutes Schmuckklima

Die Gründe für die Vielfalt der Münchner Schmuckszene sind vielfältig. Institutionen wie der Bayerische Kunstgewerbeverein stehen für die 150jährige gezielte Förderung des Kunsthandwerks. Die Akademie als international angesehene Lehranstalt bildet einen Anziehungspunkt für herausragende Talente. Die jährliche Handwerksmesse bietet den Schmuckschaffenden ein Fenster zur Welt. Dazu kommt, dass die Stadt München aktive Atelierförderung betreibt und so jungen Einsteigern den Start in die Selbständigkeit erleichtert. Zusätzlich verleiht die Stadt attraktive Förderpreise. Eine besonders wertvolle Einrichtung ist die renommierte Danner-Stiftung. Die Stiftung der Witwe Terese Danner im Andenken an ihren Mann Benno konzentriert sich auf die Förderung des Goldschmiedehandwerks. Sie vergibt alle vier Jahre einen Preis, unterstützt Schulen, gewährt Schmuckschaffenden Darlehen und besitzt eine umfangreiche Schmucksammlung, die in Kürze in die Neue Sammlung der Pinakothek der Moderne eingehen wird. Nicht unerheblich ist sicher auch, dass München eine reiche Stadt ist, die überdies eine grosse Anziehungskraft hat. Die über drei Millionen Besucher pro Jahr stellen einen wesentlichen Wirtschaftsfaktor für die Stadt und ihre Geschäfte dar.

Münchens Schmuckszene ist einzigartig. Sie ist ein Zusammenschluss verschiedenster Schmuckwelten, die nicht unbedingt immer etwas miteinander zu tun haben. Innerhalb der Gruppen aber besteht ein reger Austausch über das Wesen des Schmucks, seine Bedeutung, seine Wertigkeit, sein Anspruch, kurz über alle Aspekte dieses ewigen Menschheitstraums. Vielleicht sind es gerade diese vielfältigen, ineinanderfliessenden, einander ausgrenzenden, sich überlagernden, neuen, alten, überraschenden und persönlichen Schmuckphilosophien, die Schmuck - an und für sich - so allgegenwärtig in dieser Stadt macht.

Mit freundlichen Grüßen aus München

Susan Sagherian


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