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Schmuckszene Amsterdam
(Erschienen im September 2000 in der GZ - Goldschmiede Zeitung)

Lassen Sie mich mit einem Assoziationsspiel beginnen. Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Amsterdam denken? Kanäle vielleicht? Oder Drogen? Kunst, Geschichte, Architektur, Tulpen, Fahrräder, hölzerne Schuhe, Windmühlen, Diamanten? Es ist all das und noch viel mehr. Die Sucher nach dem ultimaten Folklorekitsch kommen hier genauso auf ihre Kosten wie die Trendsucher, die hier vieles vorfinden, was sie für die Zukunft vorhersehen. Die Offenheit für Neues und Andersartiges haben sich die Holländer in Jahrhunderten als globale Handelsmacht antrainiert. Nicht zufällig tragen einige der radikalsten Schmuckdesigner der Gegenwart Holländische Namen.

 

Teil einer Artikelreihe über die Schmuckszenen bedeutender Städte. Weitere Artikel aus dieser Reihe:

- Amsterdam
- Barcelona
- Florenz
- Helsinki
- London
- München
- New York
- Paris
- Zürich

 

Geschichte, die eigentlich keine ist

Johann Calvin, der gestrenge Genfer Reformator war es, der es den Holländern untersagte, sich zu schmücken. Und das, obwohl Amsterdam über Jahrhunderte der wichtigste Handelsplatz für Diamanten in Europa war. 1566 war es, als die Calvinisten nach einem zwei Monate dauernden Aufstand der Bevölkerung eine Kirche zugesprochen erhielten. Das damals noch katholische Holland stand unter der Herrschaft von Habsburg und die Machthaber zögerten nicht lange und begannen einen Krieg, der ganze achtzig Jahre dauern sollte (1568-1648). Dass es den Holländern dabei nicht nur um den Glauben ging, leuchtet ein. Denn sie waren es, die all die teuren Kriege der Habsburger mitfinanzierten. Diese Belastung wollten sie nur allzu gerne loswerden. Dafür nahmen sie letztendlich die strengen Regeln der Calvinisten auf sich. Die Tugend der Arbeit und der umsichtigen Geschäftstüchtigkeit zum Wohle Gottes war fester Bestand der reformatorischen Lehre Calvins. Diese Mentalität lag den Handelsleuten  wohl auch gar nicht so fern. Damit war aber jeglicher Tand und Schmuck in der Öffentlichkeit mit aller Strenge untersagt. In Amsterdam trug man schwarz mit weissen, gestärkten Spitzenhalskrausen. Holland ist auch das einzige Land, in dem jemals Diamantrosen in Holzkohle gefasst wurden. Damit wurde ihnen der Glanz genommen und sie sahen dunkel und grau aus.

Das Siebzehnte Jahrhundert war das „Goldene Zeitalter“ Hollands. Eine eindrückliche Ausstellung im Rijksmuseum über diese Zeit lässt den Besucher spüren, wie wohlhabend die Bürger Amsterdams damals gewesen sein müssen. Auffallend sind die vielen Perlen, die die Damen auf den Gemälden schmücken. Klaas Martijn Akkermann, Inhaber eines Geschäfts mit Antikschmuck in Amsterdam und Schmuckhistoriker, meint dazu, dass die Mehrheit der Perlen im besten Fall Imitationen waren. Im schlimmsten Fall seien sie der Fantasie und dem Pinsel des Malers entsprungen. Nach seinen Recherchen gibt es heute noch sechs oder sieben Perlenketten, die eindeutig auf das Siebzehnte Jahrhundert zurückdatiert werden können. Wie die Imitationen damals ausgesehen haben, zeigen Exemplare im Besitz von Klaas Akkermann. Sie wurden bei Ausgrabungen in Amsterdam gefunden. Es handelt sich um Glaskugeln, die mit Wachs gefüllt und mit einer Farbe aus Fischschuppen überzogen wurden. Perlen waren zur damaligen Zeit etwas vom Seltensten und Teuersten überhaupt. Man schätzt, dass für eine schöne Perle rund 20'000 Austern geöffnet werden mussten. Ein Dokument belegt, dass Prinz Friedrich Hendrik von Oranjen im Jahr 1635 für eine Perlenkette die unglaubliche Summe von 35'000 Gulden bezahlt hat.

Ebenfalls in dieser Ausstellung zu sehen ist das Gemälde mit den Zunftmeistern der Amsterdamer Goldschmiedezunft von Thomas de Keyser aus dem Jahre 1627. Das reiche Amsterdam lockte Künstler und Kunsthandwerker an. Denn obwohl das öffentliche Tragen von Schmuck verboten war, hinter den Türen der Stadtpalais war jeder Luxus erlaubt. Silbergeschirr, unter denen sich die Tische bogen, edle Toilettengarnituren oder Kinderrasseln aus Gold mit Bergkristall waren gang und gäbe. Das alles vollendeten die Gemälde der berühmtesten Maler ihrer Zeit. Die Schatzkammer des Rijksmuseums enthält eine sehenswerte Sammlung feinster Goldschmiedearbeiten.

Im Gegensatz zu Amsterdam war in Den Haag durch das Leben am Hof eine etwas lockerere, luxuriösere Ausstattung möglich. In den reichen Provinzen auf dem Land trugen die Leute Trachten und dazu gehörte Schmuck, der von den gestrengen Reformatoren geduldet wurde. Aber auch da konnte man nicht beliebig Schmuck tragen. Die Art des Schmucks war an die Anzahl Kühe im Besitz einer Familie gebunden. Bei zwanzig Kühen war es einer Frau gestattet, Silberschmuck zu tragen. Bei vierzig Kühen durfte sie Goldschmuck tragen, bei sechzig Kühen sogar Diamantschmuck. Erbte eine Frau Schmuck, hatte aber nicht die erforderliche Menge Kühe, durfte sie diesen nicht tragen. Der Holländische Trachtenschmuck hat ein reiches, vielfältiges Erbe. Filigranschmuck mit Granaten, Rubinen und Korallen war sehr typisch und hatte je nach Gegend seine Eigenarten. Diamantschmuck war überwiegend mit Rohdiamanten oder Rosen gefasst.

Als die Holländerinnen begannen, ihre Trachten abzulegen, war damit auch das Ende der einzigen Schmuckkultur Hollands gekommen. Danach in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam dann erst einmal nichts. Der Krieg beutelte das Land auch derart, dass niemand an Schmuck denken mochte. In den Fünfziger Jahren gab es zaghafte Schritte in Richtung Schmuck, der damals meistens aus Belgien und Deutschland importiert wurde. Die Holländer produzierten selbst auch Schmuck, der meist auf historische Vorbilder zurückgriff. In den Sechziger und Siebziger Jahren trat eine neue Elite von jungen Schmuckdesignern an, um die Holländer und die Welt zu erobern. Ihre Kreationen, waren gewagt, radikal avantgardistisch und bestanden prinzipiell aus unedlen Materialien. Diese vielfältige Designkultur hat sich weltweit einen Namen geschaffen und ihre Vertreter feiern in Galerien, Museen und Publikationen grosse Erfolge.

In den Jahren seit circa 1985 haben die Holländer begonnen, die Schmuckwelt in ihrer Gesamtheit für sich zu entdecken. In diesen fünfzehn Jahren haben viele ausländische Firmen und Marken in Holland Fuss gefasst und die einheimischen Designer entdecken mehr und mehr die klassischen Schmuckmaterialien für sich. Diese Entwicklung intensiviert sich laufend und lässt aus dem ehemals spröden Holland eine zusehends farbige Schmucklandschaft werden. Zahlen belegen dies eindrücklich. Der Umsatz im Echtschmuckbereich in Holland ist in den Jahren zwischen 1994 und 1998 um 25% auf zwei Milliarden Gulden gestiegen.

Schmucker Winkel

Wer in Amsterdam auf den Spuren des Schmucks unterwegs ist, kommt am Namen Lyppens nicht vorbei, denn man trifft ihn immer wieder an. Wer endlich am Langebrugsteeg ankommt, landet nicht nur mitten in einem eigentlichen Schmuckviertel, sondern auch im Herz des Familienbetriebs Lyppens. Dieses Geschäft ist angetreten, sämtliche Theorien, die jemals über Schmuckpräsentation und Sortimentsgestaltung aufgestellt wurden, über den Haufen zu werfen. Die Grösse der Verkaufsräume steht im umgekehrten Verhältnis zur Menge der ausgestellten Schmuck- und Silberwaren. Dasselbe gilt im übrigen auch für die Kundschaft. Sobald das Geschäft morgens seine Türen öffnet, strömt die Kundschaft herein und dieser Strom bricht erst bei Ladenschluss wieder ab. Vom Clochard bis zur Prinzessin gibt sich tout Amsterdam hier ein Stelldichein.

Lyppens hat alles. Von Tahitiperlencolliers, modernem italienischem Designschmuck, der Onyxkugelkette, dem silbernen Tafelservice (neu und antik) in vielerlei Varianten, antikem Schmuck aller Zeiten bis zum prächtigen Trachtenschmuck in Form eines Goldhelms mit Filigranrosetten. Wer das nicht findet, was sein Herz ausserdem noch begehren könnte, der wird mit einer Anfertigung aus dem hauseigenen Atelier bedient. Kaputtgegangenes wird repariert und wenn man etwas nicht mehr mag, dann tauscht man es bei Lyppens gegen etwas anderes ein. Darüber hinaus leiht das Haus auch historischen Schmuck an Filmproduktionen aus. Und das alles auf kleinstem Raum, über vielerlei Stockwerke, in einem kleinen Eckhaus aus dem 16. Jahrhundert. Geleitet wird das Haus heute von Joost Lyppens und seiner Frau Willemijn. Joost ist der Sohn von Gründer Hermann Lyppens, der in diesem Haus vor gut vierzig Jahren sein Schmuckgeschäft aufnahm. Seine beiden Brüder betreiben ebenfalls Schmuckgeschäfte, auf die ich später noch zurückkommen. 

Nicht weit entfernt vom Lyppens’schen Reich, liegt dasjenige von Hans Appenzeller. Sein ruhiges und luftiges Geschäft am Grimburgwal 1 lebt von schönen Proportionen, kleinen Vitrinen und dem Schmuck des Meisters. Im vergangenen Jahr feierte der Hausherr sein 30jähriges Firmenjubiläum und schenkte sich und der Welt eine phantastische CD, die es ermöglicht, virtuell die Karriere von Appenzeller nachzuerleben. Obwohl sein Name das Potential hat, eine Schweizer Besucherin zu verwirren, ist Hans Appenzeller ein waschechter  Amsterdamer und hat auch an der renommierten Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam studiert. Er gehörte damals zur jungen Garde der Schmuckdesigner, die angetreten war, Schmuck neu zu definieren und das vor allem in innovativen, unedlen Materialien.

Nach einigen Jahren in einheimischen Gefilden zog es ihn dann in die weite Welt und er eröffnete eine Galerie in New York. Die Einstellung zum Schmuck im Heimatland war ihm kurzzeitig zu eng geworden. Nach neun Jahren im Big Apple kehrte er dann anfangs der Neunziger Jahre wieder in seine Heimatstadt zurück. Denn mittlerweile hatten die Holländer entdeckt, dass zeitgenössischer Schmuck durchaus auch aus edlen Materialien bestehen durfte. Seither ist nach den Worten von Hans Appenzeller das Klima fast ideal für einen Schmuckdesigner. Das Publikum ist aufgeschlossen für modernes Design und traut sich heute auch durchaus grössere und edlere Stücke zu.

Nebenan im Haus Grimburgwal 9 tut sich wiederum eine andere Schmuckwelt auf. Grimm Sieraden (Sieraden ist das holländische Worte für Schmuck) heisst das Geschäft von Elize Lutz. Bei ihr findet man Schmuck von überwiegend holländischen Schmuckmachern in tieferen Preislagen. Elize Lutz ist bereits seit fünfundzwanzig Jahren am Platz und hat in dieser Zeit den Weg des Schmucks begleitet. Sie bedauert es, dass die ganz farbigen Zeiten des Kunststoffschmucks etwas vorbei sind. Denn Humor und Lebensfreude gehören für sie zum Schmuck. Sie, die in ihrem früheren Leben in der Stellenvermittlung tätig war, erlebt Schmuckverkaufen ganz ähnlich. Mensch und Schmuck müssen zusammen passen. Dass sie dies bei ihren Kunden immer schafft, nimmt man ihr sofort ab. Aber, so sagt sie, die Holländer könnten leider Spass nicht mit teurem Schmuck verbinden. Es gelingt ihr aber trotzdem, sensiblen, liebevollen Schmuck zu präsentieren und so ist ihr Geschäft eine kleine Schmucktruhe mit einer wundervollen, warmen Atmosphäre.

Die Nachbarn von Elize Lutz sind Goldschmiede. Rita Burgersdijk und Bep Peters nennen ihr Geschäft mit Atelier „Beaufort“. Sie fertigen tragbaren, modernen Schmuck im eigenen Atelier an. Ihr Stil ist schlicht und eher kleinformatig. Die Ausnahme bilden grosse, massive Armbänder. Hier wird ausschliesslich in Gold und Silber gearbeitet. Das Schöne hier ist, dass die Fertigung zwar nicht im Zentrum des Geschäfts ist, aber doch sehr präsent. So entsteht für den Kunden wirklich das Gefühl für den angefertigten Schmuck.

Wiederum ein Haus weiter gibt es „Ongewone Sieraden“, ungewöhnlichen Schmuck von Roos, Sandra, Monique und Marianne. Die vier Frauen von „Roos En Laloli“ machen Schmuck, der auffällt. Das Geschäft am Grimburgwal besteht erst seit einem Jahr, die drei Schwestern Laloli betreiben aber an der Kinkerstraat schon seit fünfzehn Jahren ihr Atelier mit Laden. So unterschiedlich die Spezialgebiete der einzelnen Frauen sind, so ergibt sich aus ihren Schmucksachen doch ein sehr einheitliches Bild. Monique liebt es, in ihren Schmuck versteckte technische Feinheiten einzubauen. Marianne ist die präzise Goldschmiedin. Sandra arbeitet gerne mit Fotos und hat einen Hang zum Rechteck und Roos strickt zauberhafte Kragen und bemalt mit leuchtenden, transparenten Emailfarben antike Ornamente.

Der schmucke Winkel von Langebrugsteeg und Grimburgwal befindet sich unweit vom Dam. Dieser Platz ist der Ort, an dem die Stadtgeschichte Amsterdams vor rund achthundert Jahren begann. Hier war auch über die Jahrhunderte immer das Handelszentrum der Stadt gewesen. Die Börse hatte hier ihren Sitz und auch die frühere Scheideanstalt. Aus der alten Scheideanstalt wurde irgendwann ein Hotel und der Zufall wollte es, dass die Autorin ausgerechnet dort nächtigte.

Schmuck von Goldschmiedehand

Nicht nur in dieser Ecke von Amsterdam findet der geneigte Käufer sein ganz persönliches Schmuckstück sozusagen frisch ab Werkbank. Auch anderswo haben Goldschmiede ihre Geschäfte. Zum Beispiel das Trio von BLGK an der Hartenstraat. Marijke te Loo, Marit de Koomen und Wouter de Gruijter sind drei Goldschmiede, die gemeinsam ihre Schmuckunikate ausstellen. Ihrem äusserst tragbaren Schmuck sieht man die liebevolle Handarbeit an.

Mitten im „Spiegelkwartier“, dem Kunst- und Antiquitätenzentrum gelegen, begegnet man Anneke Schat. Wer ihr kleines Geschäft betritt, betritt ein ganzes Universum. Die Künstlerin beschäftigt sich nicht nur mit Schmuck, sondern auch mit Metallplastik, Malerei und Kalligraphie. Die japanische Kunst des Schreibens ist eine der grossen Inspirationsquellen im Werk von Anneke Schat. Darüber hinaus aber ist es das Leben selbst, aus dem die Künstlerin schöpft. So befasste sie sich vor kurzem in ihrem Werk mit der weltumspannenden Kommunikation via Internet. Anfang des Jahres fand zu diesem Thema eine Ausstellung mit dem Namen „Kommunikation durch ein Fenster der Zeit“ im Singer Museum in Laren, Holland statt. Anneke Schat ist einer breiten Öffentlichkeit in Holland ein Begriff, weil alljährlich der begehrteste TV-Award des Landes – der TeleVizier-Award - aus ihrer Hand kommt. Dabei wird das beste Programm ausgezeichnet und mit einem eigens entworfenen Goldring aus Schat’s Werkstatt beehrt. Die Künstlerin tritt im Fernsehen auf und übergibt den Preis auch selbst. Am 15. September dieses Jahres verleiht sie diesen Preis bereits zum fünfundzwanzigsten Mal in Folge.

Die Edeladressen Amsterdams

Direkt am Dam befindet sich das Diamond Center. Das grossräumige Geschäft bietet längst nicht nur Diamanten an, sondern auch verschiedenste Edelmarken der Uhren- und Schmuckwelt. Unweit davon auf Rokin 88-90 trifft man auf Bonebakker & Zoon. Das ehrwürdige Geschäft ist das älteste am Platz und existiert schon seit 1792. Hier sind heute vor allem edle Uhrenmarken vertreten, besonders Piaget mit einem eigenen Corner. Das Geschäft verfügt aber nach wie vor noch über eigene Uhrmacher und Goldschmiede.

Einmal um die Ecke und auf dem Weg zum Blumenmarkt liegt der Heiligeweg, eine der teuersten Adressen Amsterdams. Man erhält den Eindruck, dass die ehrwürdigen Ladenfronten viele Geschichten aus früheren Zeiten erzählen könnten. Hier geben sich gleich mehrere Juweliere die Ehre. Zunächst einmal das Geschäft Lyppens & Schipper, das seit 1946 existiert und neben einem eher traditionellen Schmuck- und Silberangebot auch Niessing und Lapponia vertritt. Etwas weiter oben trifft man auf Jos Jonkergouw, der sein Geschäft ganz der puristischen Schmuckphilosophie gewidmet hat. Ein paar Schritte davon steht das grosse, exklusive Geschäft von Schaap + Citroen mit einem grossen Angebot mit zahlreichen bekannten Namen im Uhren- und Schmuckbereich.

Die absolute Edelmeile Amsterdams ist heute die P.C.Hooftstraat, unweit des Rijksmuseums. Hier geben sich die grossen Luxusmarken die Ehre und locken ein zahlungskräftiges und modebewusstes Publikum an. Den Schmuck zur Mode bietet hier neben Cartier das Geschäft von Lyppens Diamantairs an. Mit den Marken Pasquale Bruni, Pomellato, Bulgari, dem Schmuck von Frank Schrems und den Uhren von Ikepod trifft man hier haargenau den Schmucknerv von selbständigen und vermögenden Frauen, die ihren Schmuck selbst kaufen. Die typische Kundin beschreibt Arian Tensen von Lyppens Diamantairs als anspruchsvolle, vielgereiste Frau, die auffallend oft als Headhunterin tätig ist. Ihre emotionale Intelligenz ist stark ausgeprägt und sie gibt sich ganz als Geschäftsfrau, auch in ihren Ansprüchen an die Dienstleistung des Juweliers. Die Marke Pomellato ist für sie der Inbegriff vom Chic. Wer zu seinem neuerstandenen Dolce & Gabbana statt italienischer Moderne lieber feinen Antikschmuck tragen möchte, den bedient vis-à-vis Klaas Martijn Akkermann mit auserlesenen Preziosen. Der Schmucksammler und –geschichtsforscher ist weit über die Grenzen der Branche hinaus bekannt und hat sich in der Öffentlichkeit Hollands einen Namen gemacht mit Publikationen und Interviews zum Thema Schmuck.

Diamantmythos Amsterdam

Ebenfalls in der Gegend um das Rijksmuseum befinden sich einige der Diamantschleifereien Amsterdams. Die bekanntesten und wichtigsten Firmen sind Gassan, Van Moppes & Zoon, Stoeltie und Coster, die jeweils zwischen hundert und zweihundert Schleifer beschäftigen. Ihr Geschäft sind die Touristen, die buslandungsweise die Schleifereien besichtigen. Es ist erstaunlich, wie hartnäckig sich der Ruhm der Diamantindustrie in Amsterdam hält. Die Wurzeln des Diamantgeschäfts gehen auf die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts zurück, als den Juden Amsterdams die Ausübung eines Gewerbes gestattet wurde: das Diamantschleifen. In den Jahrhunderten danach wurde Amsterdam zum bedeutendsten Handelsplatz für Diamanten in ganz Europa. Einige der grössten und berühmtesten Diamanten, wie z.B. der Cullinan und der Koh-I-Noor wurden hier geschliffen, genauso wie der weltweit kleinste Brillant von 0.0012ct, der bei Van Moppes & Zoon besichtigt werden kann. Mit dem zweiten Weltkrieg kam dieses blühende Gewerbe zu einem abrupten Ende. Von den 80'000 Juden, die vor den Deportationen in die Konzentrationslager in Amsterdam gelebt hatten, blieben nur 5'000 nach Kriegsende übrig. Nach diesem Aderlass hat das Diamantgeschäft Amsterdams nie mehr die Bedeutung von einst erlangt. Antwerpen ist an seine Stelle getreten. Nichtsdestotrotz leben die ansässigen Firmen noch heute vom vergangenen Ruhm.

Schmuckkunst

Amsterdams Schmuckgalerien sind weit über die Grenzen Hollands hinaus bekannt. Hier trifft nicht nur die einheimische Avantgarde auf ein interessiertes Publikum. Auch internationale Schmuckschaffende werden regelmässig ausgestellt. Eine der renommiertesten Schmuckgalerien weltweit ist die Galerie ra von Paul Derrez an der Vijzelstraat, die seit 1976 der Schmuckavantgarde ein Forum bietet. Acht Einzelausstellungen – jeweils zur Hälfte von holländischen und internationalen Künstlern bilden das Jahresprogramm der Galerie. Daneben werden ganzjährig die mittlerweile zu Klassikern gewordenen Schmuckrebellen der ersten Stunde gezeigt. Gijs Bakker und Annelies Planteijdt gehören dazu und selbstverständlich Paul Derrez selbst.

Die zweite bedeutende Galerie ist diejenige von Louise Smit am Prinsengracht. Hier wird Schmuck als Kunstwerk verstanden. Das Interesse von Louise Smit und ihrem Partner Rob Koudijs liegt nicht so sehr am schmückenden, sondern viel mehr am künstlerischen Wert einer Arbeit. So gehört Ted Noten zu den Favoriten der Galerie. Seine Objekte sind unverkennbar. Die Handtasche aus Plexi mit eingegossenen Schmuckstücken ist ebenso unverkennbar wie sein Anhänger mit der kleinen, perlenkettengeschmückten Maus. Auch Evert Nijland Werke sind hier zu finden. Er zieht seine Inspirationen aus Renaissancegemälden und arbeitet aus Leinen, Glasperlen und Eisen fantastische Colliers und Broschen, die eine Aura von Zeitlosigkeit umschwebt. Daneben beunruhigt Iris Eichenberg mit ihren Kompositionen aus Gummi, Silber und anderen Materialien. Ihre Inspirationen kommen aus dem Reich der Anatomie und evozieren das Unerklärliche, das unter der Haut steckt. Im eigentlichen und übertragenen Sinn.

Zur Geschichte der holländischen Schmuckavantgarde in den vergangenen fünfzig Jahren stellte das Museum Het Kruithuis in s’Hertogenbosch eine umfangreiche Ausstellung zusammen, die auch in Amsterdam haltmachte. Dort wird nachvollziehbar, wie zu Beginn das traditionelle Goldschmiedehandwerk vom Schmuckdesign überrollt wurde. Die klassischen Materialien wurden verbannt und Glas, Plexi, Holz, Papier und vieles mehr nahm ihren Platz ein. Schmuck wurde zum Kunstobjekt, Werte neu definiert. Die Ausstellung zeigt aber auch, dass nach und nach die edlen Materialien von den Schmuckschaffenden wieder entdeckt wurden. Heute treffen sich Designavantgarde und Goldschmiedetradition an einem neuen Ort. Gold, Silber, Diamanten, Perlen und Farbsteine kommen zum Einsatz und es entsteht Schmuck mit ganz neuen Impulsen. Die Ausstellung zeigt auch auf faszinierende Weise, wie vielgestaltig das holländische Schmuckschaffen ist. Es lässt sich schwerlich eine Stilrichtung festlegen, man lernt vielmehr viele persönliche Schmuckuniversen kennen.

Zukunftsvision

Die holländische Schmuckkultur hatte in den vergangenen Jahrhunderten wenig Möglichkeiten, sich zu entfalten. Umso mehr Visionen für die Zukunft scheint sie hervorzubringen. Die holländischen Schmuckdesigner haben in den 60‘er und 70‘er Jahren einen radikal neuen Weg eingeschlagen mit ihren Ideen. Heute fliessen diese Ideen unvermindert weiter. Sie werden aber in wertvolleren und traditionelleren Materialien umgesetzt. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, einen Graben zu schliessen. Nicht mehr Tradition hier und Avantgarde da, sondern etwas Neues. Schmuck mit Geist und Charakter (so der Titel der Ausstellung zur holländischen Avantgarde), der den Sprung zu einer breiteren Öffentlichkeit schafft.

Um diesen Weg zu beschreiten, sind in diesem Jahr zehn Absolventen der Gerrit Rietveld Academie angetreten. Ihre Diplomarbeiten waren geprägt von Persönlichkeit und Experimentierlust. Stellvertretend sei hier Wiebke Meurer genannt. Sie hat ein grossartiges Werk gezeigt. Ihr Tisch mit Tischdecke aus Feinsilber schickt selbst hartgesottenen Schmuckmenschen ein Kribbeln die Wirbelsäule hinunter. Die Reminiszenz an die Vergangenheit einer bürgerlichen Welt, die sie auf subtilste und gleichzeitig glamouröse Weise überhöht, hat eine beispiellose Gültigkeit. Mit der Erwartung, was sie und ihre Kollegen und Kolleginnen an Impulsen für uns bereithalten, kann man getrost eine glänzende Vorhersage für Hollands Schmuckzukunft wagen.

Mit freundlichen Grüssen aus Amsterdam

Susan Sagherian


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