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Schmuckszene Helsinki
(Erschienen im Dezember 2000 in der GZ - Goldschmiede Zeitung)

Wie stellen Sie sich einen Finnen vor? Fährt er unheimlich schnell Auto, hat ein Handy ans Ohr geklebt und schlägt mit Vorliebe in überheizten Gartenhäuschen mit Birkenzweigen auf sein nacktes Gegenüber ein? Wenn es Ihnen so wie mir vor meiner Reise geht, dann verbinden Sie tatsächlich nicht viel mehr als Formel Eins, Nokia und Sauna mit dem Land zwischen Skandinavien und Russland. Für uns Mitteleuropäer gibt es im Land der Nordlichter viel zu entdecken. Wer auf den Spuren des Schmucks wandelt, wird in Finnland überrascht. Sowohl von der Vergangenheit, wie auch von der Gegenwart, die von jungen Leuten mit viel Zukunft geprägt wird.

 

Teil einer Artikelreihe über die Schmuckszenen bedeutender Städte. Weitere Artikel aus dieser Reihe:

- Amsterdam
- Barcelona
- Florenz
- Helsinki
- London
- München
- New York
- Paris
- Zürich

 

Unbekanntes Finnland

Finnland ist für viele ein weisser Fleck auf der Weltkarte. „Irgendwo da oben im Norden“ reihen wir es in die Reihe der skandinavischen Länder mit viel Wald und Seen ein. Was es „da oben“ auch gibt, ist jede Menge Platz. Finnland ist nur geringfügig kleiner als das wiedervereinigte Deutschland, zählt aber nur ca. fünf Millionen Einwohner. Eine Entwicklung der letzten Jahre ist die Verschiebung der Population von ländlichen Gebieten in die grösseren Städte wie Helsinki, Tampere, Turku und Oulu. Dies führte dazu, dass heute rund achtzig Prozent der Bevölkerung auf zwei! Prozent des finnischen Territoriums leben. Davon wiederum wohnen rund eine Million in und um Helsinki.

Schon für den römischen Geschichtsschreiber Tacitus waren die Finnen Unbekannte. In seinem Werk über die Germanen um 100 n.Chr. berichtete er über sie lediglich, dass sie ein friedliches und bescheidenes Leben als Sammler führten. Erst die Wikingerzüge, während des 9. Jh. eröffneten regelmässige Kontakte zu den Nachbarländern. Das spärlich besiedelte Finnland weckte die Begierde fremder Mächte. Erik lX., ein missionarischer Eiferer auf schwedischem Königsthron, gelobte, die Finnen zu christianisieren. 1155 kam es so zu einem Kreuzzug im hohen Norden und die mehr als 650 Jahre währende Epoche schwedischer Herrschaft in Finnland begann. Die schwedischen Machthaber versuchten zwar, eine straffe Verwaltung im neuen Territorium einzuführen. Angesichts der riesigen Ausmasse des Landes und der verstreut lebenden Einwohner gelang dies nicht. So kamen die Schweden zur Einsicht, dass die Finnen am besten mittels Autonomie zu regieren waren und liessen sie in Ruhe leben.

Die Geschichte von Helsinki begann erst im Jahre 1747 mit dem Bau der Festung Sveaborg wirklich. Obwohl es schon zweihundert Jahre früher (1550) vom Schwedenkönig Gustav Vasa gegründet worden war, entwickelte sich die Stadt am Meer nie so richtig. Zuerst blieb es bei einem Provisorium in sumpfigem Gebiet. Einmal auf festen Grund umgesiedelt, wurde die Stadt immer wieder von Brandkatastrophen heimgesucht. Mit der Festung wurden jedoch erstmals Steingebäude gebaut und ein bescheidener Wohlstand etablierte sich. Als die Schweden im Krieg mit den Russen 1809 die Festung aufgaben, endete ihre Herrschaft über die Finnen und die Russen übernahmen das Nachbarland als autonomes Grossfürstentum. Nach einem weiteren verheerenden Brand, wurde Helsinki 1812 von den Russen zur Hauptstadt Finnlands erklärt und ein Team aus Stadtplaner und Architekt wurde beauftragt, ein Stadtzentrum im Stil der Zeit zu bauen. Wie der buchstäbliche Phönix aus der Asche entstand damit in wenigen Jahren der architektonisch einheitliche Stadtkern Helsinkis, wie er sich heute noch präsentiert. Um die Jahrhundertwende wurde in Helsinki noch einmal kräftig gebaut und Gebäude im Stil der Nationalromantik entstanden. So heisst die finnische Interpretation des Jugendstils. 1917 erklärten die ihre nationale Unabhängigkeit und nach einem erbittert geführten Bürgerkrieg trat 1919 Friede ein und die republikanische Verfassung wurde angenommen. Helsinki wurde zur Hauptstadt des jungen Staates. Seither üben sich die Finnen in der Rolle des Vermittlers zwischen Ost und West. Die finnische Initiative für die Gründung der KSZE im Jahr 1952 war dazu ein wichtiger Schritt.

Leben im „Zweiphasenrhythmus“

Das Leben in Finnland ist bestimmt vom Rhythmus der Jahreszeiten. Der warme Sommer mit seinen nicht enden wollenden Tagen holt die Menschen aus ihren Häusern auf die Strassen und in die Cafés. Der Winter treibt sie mit Dunkelheit und beissender Kälte genau dahin zurück. Das öffentliche Leben kommt zum Stillstand. Obwohl auch hier die Urbanisierung der Gesellschaft neue Möglichkeiten eröffnet gegenüber dem traditionellen Leben auf dem tief verschneiten, eiskalten Land. Dieses „Zweiphasen-Leben“ im Jahresrhythmus erklärt auch, warum den Finnen so viel an ihrem häuslichen Leben liegt. Mit einem behaglich eingerichteten Haus lässt sich so ein Winter einfach besser überstehen. Es erklärt auch, warum Schmuck auf der Liste der Anschaffungen nicht unbedingt Priorität geniesst. Im Sommer leben die Finnen ein sportliches Leben im Wochenendhäuschen auf dem Land und im Winter geht man sowieso nicht vors Haus. Wer braucht da schon Schmuck?

Auch historisch gesehen, haben die Finnen und Finninnen nie zu den grossen Schmuckträgern gehört. Schmuck gehörte zwar zur einheimischen Tracht und hatte vor allem zur Zeit der Merowinger und Wikinger spirituellen Charakter. Amulette verliehen dem Träger Kräfte und hielten gleichzeitig böse Geister in Schach. Aber ein höfisches Leben kannte man nicht in Finnland, denn die Herrscher wohnten zuerst im fernen Stockholm, danach in St.Petersburg. Einzig die Kirchen und Klöster waren immer prunkvoll geschmückt. Nichtsdestotrotz hat Finnland ganze Generationen von Goldschmieden hervorgebracht. Die ersten Goldschmiede kamen zusammen mit hanseatischen Händlern im 14. Jahrhundert nach Finnland und siedelten sich in der damaligen Hauptstadt Turku an. Goldene Zeiten für das Handwerk waren die zweite Hälfte des 17. Jh., sowie das 18.Jh. Damals regierte der kulturell aufgeschlossene König Gustav lll. Finnland. Die Goldschmiede in Finnland genossen grosses Ansehen und bildeten eine eigentliche Handwerker-Aristokratie. Sie verkehrten mit den Adeligen und sassen zusammen mit den Buchbindern, Hutmachern, Gerbern und Handschuhmachern in der Kirche gleich hinter den Würdenträgern der Stadt. Alle anderen Handwerker hatten ihren Platz bei den normalen Bürgern. In der Mitte des 19. Jahrhunderts beschäftigten rund dreihundert Schmuckbetriebe in St. Petersburg etwa dreitausend Angestellte. Ein Viertel davon waren Finnen. Fünfzehn der fünfundzwanzig Meistergoldschmiede, die für Carl Fabergé arbeiteten, waren finnischer Abstammung.

Finnischer Goldschmied als Nachbar von Fabergé

Eine finnische Erfolgsgeschichte in St.Petersburg ist diejenige von Alexander Tillander. 1837 als Sohn einer armen Bauernfamilie geboren, wurde er wie so viele andere finnische Knaben und Mädchen jener Zeit schon als Kind nach St.Petersburg geschickt, um dort ein Auskommen zu finden. Alexander sollte zu einem Friseur in die Lehre gehen. Dies gefiel ihm jedoch gar nicht und er fand eine neue Lehrstelle bei einem finnischen Goldschmied namens Fredrik Adolf Holstenius in Tsarskoe Selo. Als ausgebildeter Goldschmied kehrte er nach St. Petersburg zurück und beschloss 1860, sein eigenes Unternehmen zu gründen und begann mit der Fertigung von einfachen Armreifen, die damals in Mode und daher einfach zu verkaufen waren.

Langsam begann das Unternehmen zu wachsen und die Zahl der Angestellten und das Prestige der Kunden nahm kontinuierlich zu. Bald gehörten auch die einflussreichen Kreise des St.Petersburger Zarenhofes zu seinen Auftraggebern. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam zur Schmuckproduktion die Fertigung von Schmuckobjekten dazu. Die orthodoxe Tradition, am Ostermorgen jedem weiblichen Mitglied der Familie ein Ei zu überreichen, inspirierte die Schmuckmacher zu phantasievollen Geschenkobjekten. Diese fanden über den Zaren und sein Gefolge ihren Weg zu den adligen Kreisen in aller Welt und waren gleichzeitig die beste Werbung von der Kunstfertigkeit der St.Petersburger Goldschmiede. Fabergé gelangte damit zu Weltruhm, aber auch die anderen Werkstätten waren damals weitherum hochgeschätzt.

Anfang der 90er Jahre trat dann der Sohn des Firmengründers Alexander Junior ins Unternehmen ein. Nachdem er in Moskau bereits Erfolge mit dem Verkauf von Diamantschmuck aus Paris hatte, begann er die Geschäftstätigkeit des Vaters mit neuen Aktivitäten zu ergänzen. Er bekam das exklusive Verkaufsrecht für russische Demantoide und begann einen Handel mit Schmuck und Objets d’Arts aus Privatbesitz. Später kam dazu auch noch die Vertretung für Boucheron in Russland.

Die Feiern zum 300jährigen Bestehen des Hauses Romanoff war in St.Petersburg ein Grossereignis. Vor allem die Goldschmiede profitierten von den Aufträgen des Zarenhofs. Unzählige Schmuckstücke wurden zum Andenken an das Jubiläum verschenkt. Gleichzeitig läutete dieses Jubiläum das Ende einer friedlichen Epoche ein. Europa versank bald darauf im Ersten Weltkrieg. 1917 nahm die bolschewistische Revolution ihren Anfang, Bürgerkrieg brach aus und Finnland erklärte seine Unabhängigkeit von der Regierung in Russland. Alexander Junior brachte sich selbst und seine Familie nach Finnland in Sicherheit. Sein Vater jedoch verstarb an den Nachfolgen eines Raubüberfalls im Alter von 81 Jahren noch am Ort seines persönlichen Erfolgs, in St.Petersburg.

Nachdem sich die politische Situation des jungen finnischen Staates im Jahr 1918 geklärt hatte, entschloss sich Alexander Junior das Haus Tillander in Helsinki wieder zu eröffnen. Mit der Hilfe von anderen, emigrierten Goldschmieden gelang es nach harten Anfangsjahren, die grosse, russische Schmucktradition aufleben zu lassen. Später ergab es sich, dass mehrere Familienmitglieder die Goldschmiedetradition weiterführten. So gibt es heute im Zentrum Helsinki‘s zwei hochwertige Schmuckgeschäfte mit dem Namen Tillander, die ihre Kunden mit handgefertigten Preziosen bedienen.

Der finnische Stil

Vor dem Hintergrund der finnischen Geschichte lässt sich die Schmuckgeschichte des Landes nachvollziehen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts erstarkte das nationale Gefühl in Finnland. Das finnische Nationalepos "Kalevala“, das zuvor jahrhundertelang in mündlicher Tradition weitergegeben worden war, wurde erstmals niedergeschrieben. Das Epos bringt Sage und Geschichte zusammen und definiert bis heute die Volksseele Finnlands. Schmuckstücke, die zur Zeit des finnischen Jugendstils - der Nationalromantik – entstanden, hatten auch durchaus einen politischen Charakter. Die Werkstätten, die von finnischen Goldschmieden aus St.Petersburg gegründet worden waren, mussten ihre Geschäftstätigkeit mit dem Zweiten Weltkrieg aufgeben. Die Schmuckproduktion kam zum Stillstand. 1940 rief die finnische Regierung die Bürger dazu auf, ihren Goldschmuck zum Wohle des Vaterlands zu spenden. Nach den Entbehrungen der Kriegsjahre war dann das Bedürfnis gross, den gespendeten Schmuck wieder zu ersetzen. Es entstand nostalgischer Schmuck, basierend auf antiken Vorbildern der finnischen Geschichte. Gleichzeitig begann langsam die Entwicklung der „Skandinavischen Moderne“, die aber einige Zeit brauchte, um im Schmuckbereich Fuss zu fassen.

Dieses Verdienst steht dem Künstler und Goldschmied Björn Weckström und dem visionären Schmuckunternehmer Pekka Anttila zu. Weckström hatte nach seinem Studium begonnen, seine künstlerischen Fähigkeiten in den Entwurf von Schmuckstücken einfliessen zu lassen. Der Wunsch einer Kundin, Goldnuggets aus Lappland zu verarbeiten, brachte ihn auf die Beschäftigung mit der natürlichen Oberfläche von Gold. Zu Beginn der 60er Jahre markierte er damit die Abwendung vom Konstruktivismus der 50er Jahre. Die Vision eines Schmucks, der von der wilden Schönheit der Natur Lapplands geprägt war, entstand. Weckström reiste von nun an jedes Jahr nach Lappland, wusch Gold und liess sich inspirieren. Seine Kreationen erhielten Namen. 1969 wurde das Buch „Welcome to Finland“ veröffentlicht, indem Finnland vorgestellt wurde und die Werke namhafter finnischer Designer veröffentlicht wurden. Die Schmuckstücke Weckströms prägten so das Bild Finnlands in den Augen der Welt mit.

Pekka Anttila hatte die Entwicklung Weckströms interessiert mit verfolgt und es war für beide der Beginn einer erfolgreichen Partnerschaft, als Anttila 1966 begann, den „Schmuck aus Lappland“ aktiv zu bewerben. Mit visionärer Klarsicht vermarktete er von Anfang den Schmuck nach allen Regeln der Kunst. Ein starker Slogan, Schaufensterdekorationen, Broschüren und Verpackungsmaterial und einer Geschichte zu jedem Schmuckstück etablierte das Unternehmen „Lapponia Jewelry Oy“ nach und nach international. 1971 erhielt die amtierende Miss World ein Schmuckstück von Lapponia, 1972 trug Yoko Ono bei einem Fernsehinterview einen Lapponia-Ring und 1977 zierte das Collier „Planetoid Valley“ den Hals von Prinzessin Leia im Film „Star Wars“. Damit hatte das finnische Design endgültig weltweite Aufmerksamkeit und eine wachsende Fangemeinde erlangt.

Seit 1971 arbeitete ein weiterer Designer für Lapponia Jewelry. Poul Havgaard war Schmied, Restaurator und arbeitete mit Keramik. Er hatte bereits Gürtelschnallen für den Pariser Couturier Pierre Cardin entworfen und mit seinem erotischen Körperschmuck die Öffentlichkeit für sich eingenommen. In seinem Heimatland Dänemark jedoch nahm niemand von ihm Notiz. Seine erste Kollektion für Lapponia hiess „3-D Silver“ und bestand aus Schmuckstücken, die in ihrer dreidimensionalen Wirkung von jeder Seite betrachtet werden konnten. Die Stücke erinnerten an natürlich geformte Steine in schlichten, asymmetrischen Formen.

Der ungarische Bildhauer und Schmuckdesigner Zoltan Popovits stiess 1975 zur Künstlergarde von Lapponia Jewelry Oy und entwarf als erste Arbeit ein silbernes Schachspiel. Er strebt an, seinen Schmuckstücken dieselbe Individualität und Naturnähe zu geben, die sich in der Schmuckphilosophie der Urvölker wieder spiegelt. Schmuck soll den Träger mit einer bestimmten Zeit, einem bestimmten Ort und bestimmten Menschen verbinden.

Der vierte im Bunde der Lapponia-Designer ist Christophe Burger. Der Schmuckdesigner und Künstler entwirft seit 1989 Schmuck für das finnische Haus. Nach Abschluss seines Studiums der englischen Philologie studierte er an der Strassburger Kunstgewerbeschule Schmuckdesign und Goldschmiedekunst. Er hat in Colmar eine eigene Galerie, in der er Schmuckunikate und –objekte zeigt. Schmuck ist für ihn ein Kommunikationsmittel. Die Namen seiner Schmuckstücke und deren Formen fordern den Betrachter zu einem assoziativen Gedankenspiel heraus.

Heute ist das Unternehmen international vertreten und beschäftigt in Helsinki rund hundert Angestellte in Produktion und Vermarktung. Das Jahr 2000 markiert das vierzigjährige Jubiläum des Hauses und eine Ausstellung im Herzen Helsinkis lässt das Design von vier Jahrzehnten Revue passieren. Exklusiv zu diesem Anlass wurden auch einige der frühen Designs neu aufgelegt.

Schmuck auf den Spuren der Antike

Im Februar 1935 wurde in Helsinki das 100. Jubiläum des finnischen Nationalepos Kalevala begangen. Die Schriftstellerin Elsa Heporauta liess sich von den Feierlichkeiten zu einer kühnen Idee inspirieren, die heute den Namen Kalevala Koru Oy trägt. Das Jubiläum regte die Schriftstellerin zu Überlegungen an, wie man die kalevalanische Kultur am besten in die Neuzeit übertragen könne. Sie versammelte fortschrittlich gesinnte finnische Frauen um sich, die ein gemeinsames Ziel hatten: Sie wollten mit einer konkreten  Geste eine Verbindung zu einer imposanten Gestalt, zu Louhi, der mächtigen Herrscherin des Nordens, herstellen. Also gründeten sie ein Komitee, das Mittel für ein Denkmal der finnischen Frau aufbringen sollte.

Zuerst versuchten sie es mit einer öffentlichen Spendenaktion, die jedoch nicht viel einbrachte. Im Frühjahr 1937 wurde ein neuer Vorschlag unterbreitet, der vorsah, mit industriell gefertigten Nachbildungen von prähistorischen Schmuckstücken das Denkmalprojekt zu realisieren. Die Projektleiterin Aino Mari Mecklin wählte vierzig Modelle aus dem Nationalmuseum aus, für die Germund Paaer entsprechende Muster fertigte. Die Schmuckstücke kamen im Herbst 1937 auf den Markt. Die ersten wurden bei einer Teeparty der Präsidentengattin Kaisa Kallio am 8.12.1937 präsentiert. Der ursprüngliche Plan, Mittel für ein Denkmal aufzutreiben, zerschlug sich angesichts des Ausbruchs des 2. Weltkriegs. Man war nunmehr der Meinung, dass die Gelder eher Wohltätigkeitszwecken zugute kommen sollten. Nach und nach bildete sich der „Verband der Kalevala-Frauen“ heraus, der Notleidende unterstützte und 1941 wurde die Firma Kalevala Koru Oy ins Handelsregister eingetragen.

Im Laufe der Jahre konzentrierte sich das Unternehmen auf die Herstellung von Bronze-, Silber- und Goldschmuck. Heute ist Kalevala Koru Oy ein renommierter Edelmetallverarbeiter und mit 160 Mitarbeitern der grösste Schmuckproduzent in Finnland. Kalevala Koru Oy ist nach wie vor mit dem Verband der Kalevala-Frauen liiert, dem heute über 4000 Mitglieder angehören. Er konzentriert sich auf die Pflege des kulturellen Erbes Finnlands.

Die meisten Modelle von Kalevala Schmuck stammen aus der Wikingerzeit (rund 800-1025 n.Chr.), aber zu der breitgefächerten Kollektion gehören auch Stücke vom Beginn unserer Zeitrechnung. Andere haben Vorbilder aus dem 19. Jahrhundert. Die Schmuckstücke sind Nachbildungen, Varianten oder Kombinationen ihrer Vorbilder und werden in Zusammenarbeit mit Archäologen hergestellt.

Als Kontrast zu dem figürlichen Schmuck der Kalevala-Kollektion bietet das Unternehmen eine zweite Linie mit dem Namen Kaunis Koru Oy an. Finnischen Design-Schmuck unter diesem Namen gibt es seit 1956. Typisch für diese Kollektion ist die Verwendung von Spektrolith, dem Nationalstein Finnlands. Chefdesignerin ist heute Kirsti Doukas, die 1999 zum Goldschmied des Jahres in Finnland ernannt wurde und mit ihrer eigenen Kollektion zum Kreis der Union Designer gehört. Andere Designer sind Marja Suna, Marko Mäkelä, Mari Saari, Tony Granholm, um nur einige zu nennen. Der Schmuck von Kaunis Koru Oy wird immer unter dem Namen des verantwortlichen Designers angeboten.

Junge Betriebsamkeit

Seit etwa zehn Jahren entwickelt sich in und um Helsinki eine junge, innovative Schmuckszene. Talentierte und ambitionierte Gold- und Silberschmiede treten gemeinsam in die Öffentlichkeit und präsentieren frischen, zeitgemässen Designschmuck. Abgesehen davon, dass man den Finnen seit den Sechziger Jahren die Kompetenz für modernes Design neidlos zugesteht, brauchen die Jungdesigner keine Vorschusslorbeeren. Man nimmt ihnen die Begeisterung für ihren Beruf ohne weitere Fragen spontan ab und ihre Kombination von Handwerk, Gestaltung und einer gehörigen Portion Geschäftssinn macht Eindruck.

Seit Beginn des finnischen Schmuckfrühlings vorne mit dabei sind die beiden Designer von OZ jewel, die Goldschmiedin Tiina Arkko und der Silberschmied Vesa Nilsson. Beide haben in der Vergangenheit für Georg Jensen in Dänemark gearbeitet. Daher kommt ihr Sinn für hohe Design- und Fertigungsqualität. Vor zehn Jahren wagten sie den Schritt in die Selbständigkeit. Ihr Geschäft an der Unioninkatu repräsentiert ihr gesamtes Schaffen. Weiche und doch klare, bestimmte Formen sind ihr Markenzeichen. Tatsächlich haben sie es geschafft, eine deutliche Wiedererkennbarkeit auf dem Markt zu etablieren und das mit einer vielfältigen, abwechslungsreichen Kollektion. Daneben entwerfen sie für ihre Kunden Einzelstücke und auf Firmen zugeschnittene Geschenkideen.

Ein ganz junges Unternehmen ist Alfred K. Henrik Kihlmann, seines Zeichens Silberschmied, eröffnete seine Galerie im vergangenen Mai mit dem Ziel, jungen, finnischen Silberschmieden eine Plattform zu bieten. Das Ambiente der Galerie ist sehr ansprechend, mit freigelegten Wandstrukturen, die als Hintergrund in den Vitrinen dienen. Sie befindet sich an bester Lage im Nobelwohnviertel von Helsinki und in unmittelbarer Nähe des Museums für industrielle Gestaltung, in dem auch regelmässig Schmuckdesign gezeigt wird. Henrik Kihlmann‘s Entschluss, eine Silbergalerie zu eröffnen, hatte zwei Ursachen. Zum einen stellte er immer wieder fest, dass traditionelle Schmuckgeschäfte nicht den Mut besassen, modernes Silberdesign zu zeigen und zum anderen bestand ein grosser Aufklärungsbedarf. Die Öffentlichkeit in Finnland nimmt Schmuck im Allgemeinen und zeitgenössischen Schmuck im Besonderen viel zu wenig wahr. In der Galerie werden sowohl Schmuck als auch Geräte und Objekte gezeigt. Besonders gefallen haben mir der zauberhafte, filigrane Schmuck von Inni Pärnänen, die grossformatigen Silberobjekte von Matti Tainio und die eigenwilligen Tischobjekte von Pekka Koponen.

Die Union der Designer

Für internationales Aufsehen haben die Designer von Union Design bereits seit zwei Jahren gesorgt. In Basel sind sie mit ihrem innovativen Schmuckstil in den aufsehenerregenden Hängevitrinen – die ebenfalls eine Eigenentwicklung des Hauses sind - sofort aufgefallen. Union Design ist eine Erfindung der Brüder Eero und Hannu Taskinen. Die Beiden waren bereits im Schmuck- und Edelsteinhandel tätig, als sich für sie die Möglichkeit ergab, grosse Räume in der alten Markthalle unweit des Hafens in Helsinki zu übernehmen. Damit war der Platz für die Umsetzung einer neuen Idee gewonnen. Insgesamt sechzehn Arbeitsplätze wurden in den hohen, authentisch renovierten Räumen eingerichtet und können von Gold- und Silberschmieden gemietet werden. Die vorhandenen Maschinen und die gesamte Infrastruktur stehen allen gemeinsam zur Verfügung. Im grosszügigen Eingangsbereich hat zudem jeder Schmuckmacher seine eigene Vitrine. Hier findet Verkauf und Beratung statt. Das Besondere an dieser Organisation ist, dass Aufträge auch im Hause weitergegeben werden können. Die Gold- und Silberschmiede haben einander ergänzende Spezialgebiete, die übergreifendes Bearbeiten von Aufträgen möglich machen. Zur Zeit sind neun Designer bei Union Design aktiv: Carina Blomquist, Kirsti Doukas, Pekka Kulmala. Sami Laalo, Sami Makkula, Petri Pulliainen, Kaisa Vuorinen und Pia Westerberg.

Die Aktivitäten von Union Design schliessen auch die Förderung von jungen und ausländischen Kollegen mit ein. Vier von sechzehn Arbeitsplätzen stehen Praktikanten und ausländischen Gästen zur Verfügung. Vier mal pro Jahr finden Ausstellungen statt. Für die Brüder Taskinen ist es wichtig, ihren Mietern ein optimales und wirtschaftlich interessantes Arbeitsumfeld zu ermöglichen. Sie legen aber auch grossen Wert darauf, der zeitgenössischen finnischen Schmucklandschaft ein „fröhliches, intelligentes Gesicht“ zu geben. Und das gelingt ihnen ohne Zweifel.

Die Schmiede der Schmiede

Wer mit den Jungdesignern in Finnland ins Gespräch kommt, der hört sehr oft den Begriff „Lahti Polytechnikum“. Die Goldschmiedeschule rund hundert Kilometer von Helsinki entfernt, hat einen sehr guten Ruf. Die Schule verfügt über einen beeindruckenden Maschinenpark und ermöglicht ihren Studenten alle erdenklichen Techniken der Schmuckfertigung kennen zu lernen. Auch modernste computerunterstützte Verfahren sind möglich. Daneben erhalten die Studenten eine breite Ausbildung im kreativen Bereich.

Eine Gruppe von Studenten des Lahti Polytechnikums haben sich in Lahti selbst zusammengetan. Die Gruppe X8 besteht aus fünf Gold- und Silberschmieden: Heli Kauhanen, Soili-Riika Andersson, Eero Hintsanen, Juha Loikala und Marjut Viitanen. Ihre Gemeinschaft aus gleichberechtigten Mitgliedern teilt ein Atelier mit Verkaufsraum. Jedes Mitglied hat seinen eigenen Stil und trägt mit seinen Kreationen zu einem vielfältigen und innovativen Mix an Schmuckstücken bei. Dazu werden Objekte und Schmuck von anderen Designern, wie zum Beispiel von Maija Pitz und Pekka Koponen gezeigt. Kunden können hier auch Schmuck nach Wunsch bestellen. Die Jungunternehmer zeigen ihren Schmuck in der Zwischenzeit auch bei Alfred K in Helsinki und stellen fest, dass die Schmuckkunden in der Metropole ganz anders einkaufen als in Lahti. Die Unterschiede scheinen überwiegend geschmacklicher Natur zu sein, weniger ein Frage des Budgets oder eines ländlichen Konservatismus.

Weltbürger mit Nationalstolz

Der Nationalstolz der Finnen kann im Gespräch nicht überhört werden. Auch die finnischen Goldschmiede legen grossen Wert auf ihre Ausbildung im eigenen Land. Trotzdem machen sich vor allem die jungen Schmuckmacher angesichts eines nur fünf Mio. umfassenden Heimmarktes keine Illusionen. Alle verfügen über eigene Internetauftritte und beobachten genau, was sich im Ausland abspielt. Sie wissen, dass ihre Arbeit auf internationaler Ebene bestehen muss, um langfristig Erfolg zu garantieren. So gehen sie den pragmatischen Weg des „Eines-tun-und-das-Andere-nicht-lassen“. Sie umwerben die Finnen mit fröhlichem und intelligentem Design und zeigen der Welt, dass in der Skandinavischen Schmuckmoderne ein neues Kapitel geschrieben wird.

Mit besten Grüssen aus Helsinki

Susan Sagherian


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