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Schmuckszene Florenz
(Erschienen im Juni 1999 in der GZ - Goldschmiede Zeitung)

Die schönste Tageszeit in Florenz ist der frühe Morgen, kurz nach Sonnenaufgang. Im weichen Licht der Morgendämmerung erscheinen die Mauern der Paläste und Kirchen unscharf und wie entrückt in frühere Zeiten. Die Straßen sind noch leer und der Besucher kann die gelassene Schönheit der allgegenwärtigen Renaissancebauten auf sich wirken lassen. Spätestens ab zehn Uhr morgens ist es mit dieser beschaulichen Ruhe vorbei. Florenz versinkt im Verkehr, in Touristengruppen und unzähligen Schulklassen. Die stolze Stadt am Arno verwandelt sich in ein kulturelles Disneyland.

 

Teil einer Artikelreihe über die Schmuckszenen bedeutender Städte. Weitere Artikel aus dieser Reihe:

- Amsterdam
- Barcelona
- Florenz
- Helsinki
- London
- München
- New York
- Paris
- Zürich

 

Reich und chaotisch

Um Florenz und seine Schmuckszene besser verstehen zu können, lohnt es sich einen Abstecher in die Geschichte zu unternehmen, denn Kunst und Künstler entwickelten sich immer im Dreieck von Handel, Politik und Kirche, die das Fundament von Florenz und die Basis für die Entwicklung der Renaissance bildeten.

Die ersten Siedlungen in der Gegend des heutigen Florenz wurden von Etruskern auf den Hügeln von Fiesole gegründet. Am Fluß Arno selbst ließen sich erst die Römer unter Julius Cäsar nieder. Vom Florenz vor dem Jahre 1300 gibt es wenig zu berichten. Es gab keine nennenswerten Persönlichkeiten oder Bauwerke. Die Stadt war geprägt von Familienfehden und Machtkämpfen im hemmungslosen Begehren nach persönlichen Vorteilen. Republikanische Werte wurden in den Kämpfen zwischen den verfeindeten Guelphen und Ghibellinen mit Füßen getreten. Man sagt, das einzige Vermächtnis der damaligen Zeit ist die heutige Mafia, deren Methoden durchaus vergleichbar sind mit den damaligen.

Trotzdem war Florenz anfangs des 14. Jh. eine der wichtigsten Städte Europas. Zwischen 1200 und 1300 verdoppelte sich die Zahl der Einwohner auf rund 95‘000, was für damalige Verhältnisse eine sehr bedeutende Stadt war. Florenz war zu jenem Zeitpunkt nicht berühmt für seine Schönheit oder Kultur, sondern für seine Bedeutung als Handelsplatz, vor allem im Bereich Banken und Textilien. Die schönste und bedeutendste Errungenschaft der Florentiner in den Augen Europas war seine Goldmünze, der Florin, der zum ersten Mal 1252 geprägt worden war. Andere Städte wie Mailand oder Genua prägten eigene Münzen, der Florin hingegen wurde zur gesuchten Standardwährung in ganz Europa. Papst Bonifazius Vlll, der ein strenger Vertreter der absoluten Macht des Vatikans war und weltlichen Mächten nur eine untergeordnete Bedeutung beimaß, wird gerne zitiert, um die Bedeutung von Florenz zu unterstreichen. Er setzte neben die vier Elemente Erde, Feuer, Wasser und Luft noch ein Fünftes: die Florentiner, die die Welt zu regieren schienen.

Für die Künste war Florenz schon damals ein guter Nährboden. Die reichen Florentiner konnten es sich leisten, Bauwerke und Kunstobjekte in Auftrag zu geben. Die chaotischen, politischen Verhältnisse inspirierten die Dichter, vor allem Dante und später Boccaccio, die in ihren unsterblichen Werken ihre Heimatstadt porträtierten. Die Werte von Stabilität, Unabhängigkeit und republikanischer Freiheit wurden endgültig im Jahre 1537 abgeschafft, als Cosimo de Medici zum Regierungschef erhoben wurde. Von da an bis ins 19. Jahrhundert war Florenz der Regierung der Medici-Dynastie untertan und dies paradoxerweise in völligem Frieden.

Ein großes Traditionsbewußtsein verbindet die Stadt und ihre Einwohner noch heute. Ungeachtet von individuellem oder dynastischem Stolz, hat jede Generation versucht, zum noch größeren Ruhm von Florenz beizutragen. Jede Epoche hat das herausragende Erbe der Vergangenheit akzeptiert und auf eigene Weise - gelungen oder mißraten – versucht, dieses noch zu verschönern.

Kultur, Essen und Shopping

Wer gerne imposante Kunstwerke besucht, feine Italienische Küche schätzt und etwas für Mode übrig hat, der kann es in Florenz gut ein paar Tage aushalten. Die Stadt selbst hat knapp 400‘000 Einwohner, bezieht man die Agglomeration mit ein, kommt man auf etwas mehr als 600‘000 Einwohner. Rund 3.4 Millionen Touristen reisten im vergangenen Jahr nach Florenz. Beliebt als Reiseziel ist die Hauptstadt der Toskana vor allem bei den Italienern selbst, die gerne ihr kulturelles Erbe besuchen. Eine wichtige Besuchergruppe sind auch die Amerikaner. Für sie gehört der Besuch von Florenz einfach zu einer Europareise.

Neben den unzähligen Schulklassen, die hier ihre Studienreisen verbringen und kaum als Schmuckkunden auftreten, gibt es Touristen, die gerade in Florenz gerne Schmuck kaufen. Ein Phänomen, das auch in vielen anderen Städten zu beobachten ist, sind diejenigen Kunden, die Schmuck absichtlich an einem anderen Ort als ihrem Wohnort kaufen. Die Sicherheit, etwas Anderes zu haben als die Nachbarn, spielt sicher eine Rolle. Rein emotionale Gründe können einen Einfluß haben. Das Prestige einer besuchten Stadt trägt unter Umständen zum Prestige des erworbenen Schmuck bei oder man will anonym bleiben und auf keinen Fall beim Einkauf angetroffen werden.

Für die vielen Schmuckgeschäfte in Florenz gehören die Touristen zu den wichtigsten Kunden. Die traditionsbewußten, alten Florentiner Familien haben in vielen Fällen so viel Schmuck im Familienerbe, daß wenig Bedarf nach Neuem besteht. Eine interessante Käufergruppe stellen hingegen die vielen Textilfabrikanten in den Vororten von Florenz dar. Die modebewußten Frauen kaufen denn auch gerne den Schmuck der Italienischen Trendsetter wie Pomellato, Pasquale Bruni, La Nouvelle Bague oder Bulgari.

Der Goldschmied als Künstler

Die Anfänge der Goldschmiedekunst in Florenz lassen sich schwer datieren. Fest steht, daß spätestens die Herstellung des Florins ab Mitte des 13. Jh. Goldschmiede beschäftigte. Die Archive belegen, daß es um 1300 in Florenz 72 Gilden gab, die für ihren jeweiligen Berufsstand Zulassungsbedingungen und Regelungen aufstellten. Nur die Künstler, von denen viele ihre Ausbildung als Goldschmiede begannen, um dann als Maler, Bildhauer oder sogar Architekt zu arbeiten, organisierten sich zur damaligen Zeit nicht in einer gemeinsamen Gilde. Zu übergreifend und weit gefaßt waren die künstlerischen Disziplinen, daß sich keine verbindlichen Regeln aufstellen ließen.

Erst später organisierten sich die Goldschmiede und stellten klare, verbindliche Regelungen auf, um Betrug zu verhindern. Zum Beispiel war man als Goldschmied verpflichtet, nur Gold zu verwenden, das eine höhere Legierung hatte als Münzgold. Es war untersagt, Glasimitationen von Gemmen in Schmuckstücke zu fassen und Edelsteine durften nicht mit Folien unterlegt werden. Eigentümlich erscheint uns heute das Verbot, im gleichen Schmuckstück Perlen von Süsswassermuscheln neben solchen von Meeresmuscheln zu verwenden.

Daß die Werke von Goldschmieden damals ganz ungewohnte Dimensionen annehmen konnten, beweisen die vergoldeten Bronzetüren des Battistero von Andrea Pisano und später von Lorenzo Ghiberti. Die riesigen Türen sind in einzelne Bildtafeln aufgeteilt, deren feine Details die Hand des Goldschmieden verraten. Viele Altaraufsätze in den Kirchen sind ebenfalls unter Mithilfe von Goldschmieden entstanden. Das Museo degli Argenti im Palazzo Pitti bietet darüber hinaus die Gelegenheit, eine Sammlung sakraler Gegenstände, Tafelgeräte, Objekte und Schmuck aus den Händen Florentiner Goldschmiede zu bewundern.

Wer von Florenz und seiner Goldschmiedekunst spricht, kommt um einen Namen nicht herum: Benvenuto Cellini. Er war eine der überragenden Persönlichkeiten des 16. Jh. und stand als angesehener Goldschmied, Bildhauer und Architekt in den Diensten von Fürsten und Päpsten im In- und Ausland. Gleichzeitig zog sich eine Spur von Gewalt durch sein Leben. Wohin er auch kam, er war in Kürze in Raufereien und Duelle verwickelt und scheute selbst vor Mord nicht zurück. Cellini’s notorischer Lebenswandel führte zu häufigen, abrupten Ortswechseln und ebenso vielen Unterbrüchen in seinem Werk. Das Leben von Benvenuto Cellini und das seiner Zeitgenossen ist uns durch seine von ihm selbst verfaßte Autobiographie gut überliefert, obwohl die eine oder andere Information wohl eher mit Vorsicht zu genießen ist. Überaus interessant ist Cellini’s Fachbuch für Goldschmiede und Bildhauer. Er vermittelt uns darin das gesamte, technische Wissen seiner Zeit.

Torrini – die Geschichte einer Dynastie

Im Schatten des Wahrzeichens von Florenz – der Kathedrale S. Maria del Fiore befindet sich das Geschäft der Familie Torrini. Die Geschichte des Familienunternehmens läßt sich bis ins 14. Jh. zurückverfolgen, als im Jahre 1369 ein gewisser Jacopus Turini de la Scharperia sein Firmenzeichen eintragen ließ: ein halbes vierblättriges Kleeblatt mit einer Spore. Das Kleeblatt sollte dem Geschäftsmann Glück bringen, während die Spore auf Turini’s ursprüngliches Handwerk als Waffenschmied hinwies. Für die kommenden hundert Jahre war die Herstellung von Rüstungen, Helmen, Sporen und alles weitere, was ein Edelmann brauchte, die Hauptbeschäftigung des Unternehmens. Mit dem zunehmenden Reichtum der Florentiner wandelten sich die Bedürfnisse und die Produktion verlagerte sich mehr und mehr in Richtung von Schmuck und Dekorationsobjekten.

Heute wird das Unternehmen von Herrn Franco Torrini geleitet, der das Unternehmen im Wissen um dessen große Tradition führt. Die Schmuckstücke und Objekte des Hauses werden nach alten, überlieferten Methoden im eigenen Atelier von Hand gefertigt. Eine Besonderheit stellt die Kollektion „Oro nativoâ“ dar. Die Schmuckstücke werden in einer geheim gehaltenen Goldlegierung hergestellt und nach der Fertigstellung in „Cellini-Wasser“ getaucht. Diese Verarbeitung gibt dem Schmuckstück eine reiche, tiefe Goldfarbe. Die Methode wurde vom Hause Torrini aufgrund von Dokumenten von Benvenuto Cellini entwickelt und über Generationen verfeinert.

Wer Florenz einige Tage auf sich wirken läßt, versteht, warum es für ein so alteingesessenes Haus wie Torrini kaum denkbar ist, mit der Florentiner Tradition zu brechen. Zu allgegenwärtig ist die große Vergangenheit der Renaissance. Trotzdem wirkt der Stil des Hauses keineswegs verstaubt, sondern bezieht immer aktuelle Zeitströmungen mit ein. Neben Schmuck und Silberobjekten bietet Torrini heute auch Uhren, Accessoires und ein Parfum an.

Ironischer Respekt vor der Klassik

Florenz als Stätte weit zurückgreifender Reminiszenzen erlaubt aber auch, ganz Neues zu schaffen. In dieser Stadt, in der „die Menschen in sich Leere schaffen, um sich mit unsagbarem Staunen zu füllen“ haben vor zwanzig Jahren Lea und Leopoldo Polli ihre Firma „La Nouvelle Bague“ gegründet.

Wer das Paar an ihrem Firmensitz im antiken Palazzo Bombicci Pontelli am Ufer des Arno besucht, kommt nicht umhin, sich von der Begeisterung für die reiche, Florentiner Vergangenheit anstecken zu lassen. Umgeben von klassischer Architektur und hohen freskenbemalten Wänden begreift man Leopoldo Polli, wenn er sagt: „Unsere Beziehung zu Florenz geht nicht alleine aus der großen und unübertroffenen Florentiner Goldschmiedekunst hervor, sondern beruht auf dem geradezu lebenswichtigen Einfluß, den diese Stadt auf Künste, Architektur und Kultur ausgeübt hat und noch ausübt. Hier stand die Wiege des Neuen Menschen der Renaissance, und hier entspringt die Quelle, aus der wir unsere Kreativität schöpfen, um der Gegenwart Gestalt zu verleihen.“

„La Nouvelle Bague“ steht für ein Universum der Formen und Farben. Email, Gold und Diamanten verbinden sich zu Schmuckstücken, die in sich Einflüsse von Gewesenem und Heutigem vereinen. Embleme der Klassik werden mit einem ironischen Augenzwinkern interpretiert, kombiniert und in ein visuelles Gedicht an eine moderne Frau umgesetzt. Diese Frau steht übrigens immer im Vordergrund. Ihre Weiblichkeit, ihr Selbstbewußtsein und ihr Sinn für das Edle und Wertvolle wollen die Pollis mit ihren Kreationen ansprechen.

Zusammen mit Lea und Leopoldo Polli sind mehr als dreissig interne Mitarbeiter und hundertzwanzig der besten Goldschmiede, Fasser und Emailleure mit der Herstellung und dem Vertrieb der Kollektion beschäftigt. Jedes Erzeugnis von „La Nouvelle Bague“ wird ausschließlich von Meistern handgearbeitet, die über eine Art „Florentiner Erbgut“ verfügen, um die Vorstellungen und Entwürfe des Hauses umzusetzen. So werden in Diskussionen um neue Modelle nicht selten Einzelheiten von Gebäuden und Kunstwerken zitiert, um die genauen Proportionen oder Formverläufe eines Schmuckstücks zu charakterisieren.

Daß Schmuck nur ein Element der „La Nouvelle Bague“-Welt ist, zeigt das Geschäft an der Via Tornabuoni in Florenz. Die ganze Architektur und Einrichtung des Ladens atmet den Geist seiner Schöpfer. Prächtige Farben, edle Materialien und kontrastierende Oberflächen lassen die Räume wie überdimensionale Schmuckschatullen wirken. Ihre Inspirationen holen sich die Pollis denn auch nicht bei den Goldschmieden, sondern in den unterschiedlichsten Kunstformen und Zeitzeugnissen. Ihr jährlich zwei Mal erscheinendes Magazin „Momenti“ ist ein Beweis für die Offenheit und Neugierde des Ehepaares, die Schmuck nicht um seiner Selbst willen, sondern in einem größeren, künstlerischen und emotionalen Umfeld schaffen.

Eleganz „alla Fiorentina“

Neben „La Nouvelle Bague“ ist an der Via Tornabuoni die ganze Elite der Italienischen Schmuckmarken vertreten. Von der Piazza degli Antinori her kommend, findet man rechterhand das Geschäft von Frau Roberta Schiavina Tamai und ihrem Sohn Andrea. Der große Verkaufsraum dieser Pomellato-Boutique ist einen Besuch wert. Den hohen Raum schmückt ein antikes Deckenfresko. Die betont schlichten, modernen Möbel kreieren ein Ambiente von edelstem, Italienischem Chic, in dem der Schmuck der Mailänder Trendmarke bestens zum Tragen kommt.

Schräg vis-à-vis befindet sich die kleine Boutique mit dem Namen Franconeri, die Uhren von Rolex und den Schmuck von Pasquale Bruni führen. Eine sehr glückliche Kombination, da sich beide Marken an eine prestigebewusste Kundschaft in Italien richten. Auch die International bekanntesten Schmuckmarken Bulgari und Damiani sind mit eigenen Boutiquen an der Via Tornabuoni vertreten. Neben den Italienischen Größen sind hier selbstverständlich auch die Internationalen Marken vertreten. Cartier, Chopard (an der Via della Vigna Nuova) und Tiffany bei Settepassi, einem alteingesessenen Florentiner Juwelier.

Besondere Beachtung verdient das Geschäft von Mario Buccellati. Obwohl in Mailand ansässig, hat die Firma schon 1929 seine Filiale in Florenz eröffnet. Mario Buccellati’s Nähe zu Florenz ist aber auch handwerklicher Art. Noch heute werden alle Schmuckstücke und Objekte des Hauses meisterhaft in bester Florentiner Tradition von Hand gefertigt. Beim Betrachten der Unikate hat man den Eindruck, die Goldschmiede des Hauses hätten Gold und Silber in kostbare Stoffe wie Spitzen, Damast und Seidenbrokat verwandelt.

Die Anfänge der Firma gehen  in das Jahr 1919 zurück, in dem Mario Buccellati das Geschäft seines Lehrmeisters in Mailand übernimmt. Der junge Mann bringt überschäumende Kreativität und eine solide handwerkliche Ausbildung in sein Unternehmen ein. Seine Liebe gilt den alten Goldschmiedetechniken. Feinste durchbrochene Geschmeide, deren Oberflächen ziseliert und graviert werden und selbst Fassungen kunstvoll verziert werden, prägen den Stil des Hauses. Mario Buccellati selbst meinte: „Man mag meinen Schmuck oder man mag ihn nicht, aber er ist auf jeden Fall klar erkennbar.“ Seine besondere Liebe galt feinen Stoffen, Blättern, Sternen und Schneekristallen 

Das Haus entwickelte schon bald engen Kontakt mit der Mailänder Scala, wo die Schmuckstücke des Goldschmiedes regelmäßige Auftritte hatten. Aber nicht nur die Besucherinnen der Oper trugen gerne Mario Buccellati’s Schöpfungen. Viele berühmte Opernstar kauften und sammelten seine Werke. Arturo Toscanini gehörte genauso zu seinen Kunden wie Maria Callas. Im 1953 eröffneten Geschäft an der Fifth Avenue in New York empfing er Kunden aus der Filmwelt. Orson Wells und Frank Sinatra kauften bei ihm. Für den Film „The Adventurers“ mit der Schauspielerin Candice Bergen wurde er beauftragt, den passenden – echten - Schmuck zu gestalten. Die Arbeiten dafür beschäftigten die Goldschmiede über ein Jahr. Auch die Schauspielerin Capucine, die in Federico Fellini’s „Satyricon“ spielte, trug Buccellati-Schmuck. Heute wird das Unternehmen in zweiter Generation von Mario’s Sohn Lorenzo und dessen Frau Claudia geführt. Einen guten Überblick über das Schaffen des Hauses Mario Buccellati vermittelt das 1998 im Leonardo Arte-Verlag erschienene Buch „Mario Buccellati“.

Die Goldschmiedebrücke

Der Ponte Vecchio ist ein Wahrzeichen von Florenz. Keiner, der nicht mindestens einmal seinen Fuß darauf setzt, wenn er die Stadt besucht. Als Besucher ist man erschlagen von Schmuck. Man sieht Kilometer von Goldketten und Myriaden von kleinen, billigen Anhängern. Aber den Ponte Vecchio hochnäsig unter dem Stichwort „Industrielle Massenware“ abzulegen , würde dem Monument nicht gerecht. Auch hier lohnt sich ein kleiner Abstecher in die Historie.

Der Ponte Vecchio – die Alte Brücke – trägt ihren Namen zu recht. Seit jeher führte der Weg nach Rom über diese Brücke und daher lassen sich die frühesten Spuren bis in die Zeiten der römischen Siedlung zurückverfolgen. Im Jahre 1216 wird an dieser Stelle eine Steinbrücke erwähnt und bereits im 14. Jh. ist die Reihe der Läden in der Mitte unterbrochen (da, wo heute die Büste Benvenuto Cellini’s steht), um einen Ausblick auf den Fluß zu gewähren. 1333 wird die Brücke vom Hochwasser weggeschwemmt, aber schon 1345 wieder aufgebaut. Seither hat die Brücke alle weiteren Überschwemmungen unversehrt überstanden und selbst Hitler’s Befehl, sie zu sprengen, hat der zuständige Offizier ignoriert.

Im 14. Jh. beherbergte die Brücke Läden aller Art. 1442 jedoch wurden die Geschäfte per Dekret den Metzgern übergeben. 1565 ließ Cosimo de Medici einen privaten Korridor anlegen, der von den Uffizien, seinem Amtssitz über die Brücke zum Palazzo Pitti, seinem Wohnsitz führte. Der überdachte Fußweg, vom Architekten Vasari gebaut, führte über die Geschäfte auf der linken Seite des Ponte Vecchio. Bis 1593 duldete der Fürst die Metzger auf der Brücke, dann wurden ihm die Gerüche auf seinen Spaziergängen wohl zuviel. Er ließ die Metzger hinauswerfen und die Goldschmiede einziehen, die seit damals die Brücke innehaben.

Die Anbieter von Schmucksouvenirs sind auf der Brücke ein Phänomen neueren Datums. Bis vor einigen Jahren war der Ponte Vecchio eine Ansammlung von feinen, alteingesessenen Juwelieren. Wer sich die Mühe nimmt und sich in der Menschenmenge direkt an die Schaufenster vorkämpft, stellt fest, daß davon noch heute Einige hier ansässig sind. Etliche der Alteingesessenen können auf eine rund hundert Jahre andauernde Präsenz zurückblicken. Ein Beispiel ist die Firma Fratelli Piccini. Das Unternehmen wurde 1903 von Pirro Piccini gegründet. Sein Sohn Armando zeigte schon in jungen Jahren ein großes, zeichnerisches Talent. Er absolvierte eine Lehre als Edelsteingraveur und Goldschmied und arbeitete, wie seine beiden Brüder auch, im Atelier des Vaters. Fratelli Piccini verkaufte bald nicht nur die von Armando entworfenen Schmuckstücke aus dem eigenen Atelier, sondern auch antiken Schmuck.

Das Haus kann auf eine ganze Reihe berühmter Kunden zurückblicken. Nicht nur die einheimische Prominenz, die Familien Antinori, Guicciardini, Serristori, Ricasoli, sondern auch Amerikanische Filmstars kauften hier ein. Clark Gable, Ingrid Bergman und Bette Davis gehörten unter anderen zum illustren Kreis der Liebhaber. Armando Piccini’s Kreativität war nicht nur bei den Kunden beliebt. 1958 wurde ihm mit der Verleihung des International Diamond Awards für eine von ihm gestaltete, handgefertigte Puderdose Internationale Anerkennung zuteil. 1993 schenkte er aus Anlaß des Neunzigsten Firmenjubiläums dem Museo degli Argenti eine Sammlung seiner meisterhaften Edelsteingravuren.

Heute ist Armando Piccini achtzig Jahre alt. Trotz seines hohen Alters läßt er es sich nicht nehmen, regelmäßig am Firmensitz vorbeizuschauen. Das Geschäft ist nach wie vor in Familienbesitz. Seine Nichte Laura führt das Geschäft zusammen mit ihrer Tochter Elisa. Noch immer wird hier Schmuck im eigenen Atelier nach eigenen Entwürfen hergestellt und noch immer kommen Kunden aus Amerika nach Florenz, um sich bei Fratelli Piccini ihren Schmuck fertigen zu lassen.

Ehre der Tradition

Das Schmuckdesign entspringt in Florenz einer unkomplizierten, wenn auch tief empfundenen Verehrung für die Tradition des Goldschmiedehandwerks. Der souveräne Einsatz der über Jahrhunderte entwickelten Techniken ist die Basis. Eleganz und Chic der modebewußten Italiener sind die Zutaten, die Frau selbst ist der Maßstab für das Schmuckdesign. Italienische Frauen stehen mit großem Selbstbewußtsein zu ihrer Weiblichkeit und wollen diese auch mit Schmuck ausdrücken. Was diesem Anspruch nicht genügt, wird einfach nicht wahrgenommen.

Über Geschmack kann man bekanntlich nicht streiten. Über Raffinesse, Reichtum, Phantasie und Können hingegen schon. Beim Betrachten der Schmuckstücke von Torrini, La Nouvelle Bague oder Mario Buccellati wird einem wieder einmal bewußt, wie großartig das Handwerk eines Goldschmiedes ist. Es wird einem auch bewußt, wie wenig polierte Flächen, glatte Kanten und geometrische Formen vieler, heutiger Schmuckstücke mit dieser Tradition zu tun haben.

Mit freundlichen Grüßen aus Florenz

Susan Sagherian


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