|
Gesellschaft
im Wandel
Der Weg vom Kind, über den Jugendlichen, jungen Erwachsenen,
Familienvorstand bis zum Senioren ist durch die schiere menschliche
Biologie vorgegeben. Wie die einzelnen Altersgruppen damit umgehen,
hat sich jedoch in den vergangenen fünfzig Jahren stark gewandelt.
Seit dem Kriegsende hat sich die Welt in einem zuvor unbekannten
Tempo verändert. Politik, Wirtschaft und Technik haben jedem neuen
Jahrzehnt ein anderes Gesicht verpasst und damit die Menschen aller
gegenwärtigen Generationen in unterschiedlichster Weise geprägt.
Die relative Stabilität Europas, der damit verbundene Wohlstand und
die Fortschritte der Medizin haben bewirkt, dass die Menschen heute
durchschnittlich viel älter werden. Ein Umstand, der uns heute im
Vergleich zu früheren Generationen eine ganz andere Lebensplanung
ermöglicht. Paare heiraten tendenziell immer später und gründen
dementsprechend im fortgeschritteneren Alter Familien. Das wiederum
führt dazu, dass sich die „älteren“ Eltern durch ihre Kinder
eher jünger fühlen und sich auch so geben. Viele Grosseltern
starten nach ihrem Rückzug aus dem aktiven Erwerbsleben noch einmal
voll durch. Diesen Senioren soll dieser erste Artikel gewidmet sein.
Vermögendste Konsumenten der Zukunft
Diese Serie mit der ältesten Generation zu beginnen, hat gute
Gründe. Laut einer Untersuchung des Tages Anzeigers sitzen die
jungen Alten - jene, die gerade jenseits des AHV-Alters sind -
gesamtschweizerisch auf einem Vermögen von durchschnittlich 180'000
Franken. Im Kanton Zürich sind es sogar fast 700'000 Franken!
Konsumenten ab Anfang bis Mitte Fünfzig verfügen über eine
gewaltige Kaufkraft. In der Schweiz schätzt man ihr frei
verfügbares Haushalteinkommen auf doppelt bis dreimal so hoch wie
das der Jungen. Dieses finanzielle Polster haben sich die älteren
Semester zwar hart erarbeitet. Aber diese Generation hat auch
goldene Zeiten gesehen. Wer in den letzten dreissig bis vierzig
Jahren in der Schweiz im Arbeitsleben stand, hat voll am
wirtschaftlichen Aufschwung teilgehabt. Dass es auch einen
beträchtlichen Anteil von Älteren gibt, die mit einer kargen
AHV-Minimalrente auskommen müssen, tut der Sache keinen Abbruch.
Niemals hatte eine ältere Generation so viel Geld zur Verfügung
wie heute. Und niemals war sie so bereit, es auch auszugeben. Die
Schweizer sind dabei keine Ausnahme. In Grossbritannien verfügen
die über 55jährigen über siebzig Prozent des Gesamtvermögens der
Bevölkerung, in den USA über fünfundfünfzig Prozent.
Und sie werden immer mehr
Die Bevölkerungsentwicklung macht das Geschäft mit den Älteren
erst richtig interessant. Weil die Geburtenraten rückläufig sind,
wachsen im jungen Segment nicht mehr genügend Kunden nach. Um das
Marktpotential zu erhalten, bleibt nur eine Möglichkeit: auf die
reifen Jahrgänge schielen. Der Trend wird sich verstärken. Waren
zu Beginn der 90er-Jahre in den Industrienationen nur achtzehn
Prozent der Bevölkerung über sechzig, so wird im Jahre 2030 ihr
Anteil auf über dreissig Prozent gestiegen sein. Die Zahl derer,
die über fünfundvierzig sind, wird dann bei knapp fünfzig Prozent
liegen (Prognosen für die Schweiz siehe Grafik). In Grossbritannien
wird die Zahl der über 55jährigen in den nächsten dreissig Jahren
von 15 auf 30 Millionen steigen. Für das Jahr 2025 berechnen die
Statistiker den Anteil der Bevölkerung über 60 auf einen Drittel
der Gesamtbevölkerung. Diese Fakten belegen eindeutig, dass das
Segment der älteren und alten Konsumenten in den kommenden dreissig
Jahren zur bestimmenden Marktkraft wird.
Rheumadecken - nein danke
Ein verändertes Selbstverständnis bringt auch neue
Konsumbedürfnisse mit sich. Laut Analysen von Altersforschern
verhalten sich die über 60-jährigen wie früher die 40-jährigen.
Einstellungsmässig betrachten die Rentner ihren neuen
Lebensabschnitt als absoluten Neuanfang, den es so lang wie möglich
zu geniessen gilt. Die Alten bleiben länger körperlich und geistig
aktiv und - laut Untersuchungen - ist ein 70-jähriger heute im
Durchschnitt gesünder als ein Jugendlicher. Die Anzahl der
Pflegebedürftigen sank in der Schweiz zwischen 1992 und 1997 um
sechzehn Prozent. Das hat zum einen mit der Medizin zu tun, zum
anderen leben die Menschen immer gesünder.
Eine Umfrage der US Business Week im Jahre 1998 ergab, dass 75
Prozent der Rentner Teilzeit weiter arbeiten wollten und 98 Prozent
eine Reise planten. Daneben planten sie die Rückkehr auf die
Schulbank, den Aufbau einer eigenen Firma oder Tätigkeiten im
Dienst der Allgemeinheit. Das Vorurteil, Senioren seien nicht an
neuer Technologie interessiert, könnte ebenfalls ein Trugschluss
sein. Viele Amerikaner sehen das Internet und andere technische
Innovationen als Verbündete im Alter, weil sie nützlich sein
können beim Erhalt eines möglichst unabhängigen Lebens. Laut
Erhebungen von Nielsen sind rund fünfzehn Prozent aller
amerikanischen Internetbenutzer über 50 Jahre alt. Sie benutzen das
Netz für Kontakte in Chatrooms, Informationsbeschaffung und sind
eine interessierte Käuferschicht für das E-Business. Nicht zuletzt
ist das Internet eine Möglichkeit im Alter eine
Teilzeitbeschäftigung oder ein ganz neues Tätigkeitsfeld
aufzubauen. Als Beispiel soll eine Seniorin dienen, die ihr
lebenslanges Hobby - das Anfertigen von „Quilt“-Vorlagen - nach
ihrer Pensionierung zu einem einträglichen Internetgeschäft
machte. Wenn man den kometenhaften Anstieg des Internets in Betracht
zieht, kann man davon ausgehen, dass auch bald bei uns eine
wachsende Seniorengruppe auf dem www präsent sein wird.
In den USA gibt es bereits heute eine beeindruckende Anzahl von
Zeitschriften mit schwindelerregenden Auflagenzahlen, die sich an
die Älteren richten. Ein Markt, der in der Schweiz erst zaghaft
anfängt, sich zu regen. Die Zeitschrift „Zeitlupe“ von
Pro-Senectute ist bislang das einzige Altersmagazin. „Zeitlupe“
verzeichnete in der jüngsten Vergangenheit ein massiv gesteigertes
Inserateaufkommen, erstaunlicherweise aber keine Anzeigen im
Luxussegment. Zur Zeit plant das Verlagshaus Ringier eine
Seniorenpublikation. Die Alten rücken also auch in der Schweiz
verstärkt in den Fokus von Werbung und Marketing.
Jugendträume
Was gut und teuer ist, findet bei einer älteren Kundschaft Anklang.
Die Tendenz ist klar: Alles, wovon man in der Jugend träumte, kann
man sich im Alter leisten. Und immer mehr Leute sind bereit, dafür
auch einiges Geld auszugeben. Nischenmärkte gibt es bereits.
Männer verwirklichen ihre Jugendträume mit motorisierten
Statussymbolen. Eine Harley Davis, früher das Vehikel der wilden
Kerle und jungen Wilden, ist mittlerweile zum Fortbewegungsmittel
distinguierter älterer Herren geworden. Etwa dreissig Prozent der
heissen Stühle werden in der Schweiz an Kunden über fünfzig
verkauft. Die meisten wollten schon immer im Leben ein solches
Motorrad fahren und nehmen den fünfzigsten oder sechzigsten
Geburtstag zum Kaufanlass. Noch rechtzeitig, bevor das Rheuma
einsetzt. Auch Sportwagen der höheren Preisklasse, vom Porsche
über den Mercedes zum Ferrari, werden hauptsächlich von der
Altersklasse fünfzig plus gefahren. Etwa die Hälfte aller Cabrios,
so schätzen Autohändler, werden von älteren Herrschaften
pilotiert.
Schmuck und Uhren sind ebenfalls Objekte der Begierde, von denen man
unter Umständen ein Leben lang geträumt hat. Ältere Menschen
bringen als Kunden eine lange Lebenserfahrung mit, sie haben die
Zeit, herum zu shoppen und sich vor einem Kauf eingehend zu
informieren. Sie bringen viel Persönlichkeit mit und fühlen sich
in ihrem Alter von sozialen Zwängen und Normen befreit. Das heisst,
dass sie sehr individuelle Kunden sind, aber auch sehr kritische.
Mit anderen Worten, sie sind bereit, viel Geld auszugeben. Aber
gleichzeitig sollte auf einer Uhr die Zeit auch für schwächere
Augen die Zeit ablesbar oder der Collierverschluss für nicht mehr
ganz sichere Hände bedienbar sein.
Das Wichtigste aber ist, ein Schmuckstück oder eine Uhr zu wählen,
die zur Persönlichkeit passt und da sollte man sich als Verkäufer
nicht von Vorurteilen leiten lassen. Selbst wenn Frauen heute
Enkelkinder haben, heisst das noch lange nicht, dass sie „Grossmutterschmuck“
tragen wollen oder sollten. Die vom Leben geprägte Hand einer
älteren Frau verträgt durchaus einen grossen, modernen
Designerring. Vielleicht hat die Kundin noch nie in ihrem Leben
einen so grossen Ring getragen. Dann ist es eigentlich höchste
Zeit, es einmal auszuprobieren. Das Argument, dass zu
ausdrucksvollen Händen starker Schmuck gehört, kann man sich ruhig
zu Herzen nehmen.
Ältere Semester gehörten seit jeher zu den Schmuckkunden. Die
Herausforderung besteht heute darin, die Neuen Senioren da
abzuholen, wo sie sich selber sehen. Lebensgenuss, Unabhängigkeit
und Teilnahme an der Gegenwart sind die Stichworte, die das
Lebensgefühl dieser zunehmend wichtigen Konsumentengeneration
prägen.
(Quellen: Oliver Klaffke, TA; Mathias Ninck,
DAS MAGAZIN, BfS, viewpoint no six)
|