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Kinder
mit Agenda
Die Geburtenzahlen schrumpfen in den Ländern Westeuropas seit
vielen Jahren. Kinder werden im Leben der Erwachsenen immer weiter
hinaus geschoben. Wenn dann der Nachwuchs endlich kommt, dann nicht
selten in einen finanziell gefestigten Haushalt von
Doppelverdienern. Diese Ausgangslage führt dazu, dass Kinder heute
mehrheitlich in privilegierten Verhältnissen aufwachsen. Die Eltern
haben wenige Kinder, arbeiten oft zu zweit und können ihre Kleinen
entsprechend „verwöhnen“. Verwöhnen deshalb, weil sie diese
oft auch in ihren erwachsenen Lebensplan mit einbeziehen. Feste
Termine mit Freunden, in der Schule und für anderweitige
Aktivitäten sind heute selbstverständlich für Kinder.
Tagesbetreuung ausserhalb des Hauses ist für viele ganz normaler
Alltag. Grund genug für die Eltern, ab und zu ihr „schlechtes
Gewissen“ mit Grosszügigkeit wettzumachen. Dazu kommt, dass ein
Kind oder auch zwei, die heute die Regel sind, für ihre Eltern eine
Art Lebensplanerfüllung darstellen. Der bewusste Schritt zum Kind
bewirkt, dass dieses selbst und seine Bedürfnisse sehr stark ins
Zentrum des Lebens der Familie rücken. Das Kind wird idealistisch
überhöht und zugleich dem Rhythmus der Erwachsenenwelt
untergeordnet. Eine immer grössere Gruppe von Kindern wächst mit
geschiedenen Eltern auf. Auch hier greifen Eltern schnell einmal zum
Geldbeutel, um ihre Sprösslinge zu verwöhnen, sei es um sie über
die Trennung hinweg zu trösten oder um sie im Machtkampf mit dem
ehemaligen Partner zu manipulieren. Gleichzeitig wird auch hier von
den Kindern verlangt, sich den Gegebenheiten der Erwachsenenwelt
anzupassen.
Diese Art des Aufwachsens, aber auch der Einfluss der Medien
bewirken, dass Kinder sehr viel früher den Schritt vom Kind zum
Jugendlichen machen. Eine Untersuchung in den USA zeigte, dass ein
Durchschnittskind zwischen 20-40'000 Werbebotschaften pro Jahr
sieht. Kinder in den USA verbringen 60% mehr Zeit vor dem Fernseher
als in der Schule und 24% der Kinder unter 6 Jahren haben einen
eigenen Fernseher in ihrem Zimmer. Natürlich sind dies
amerikanische Verhältnisse, aber wenn auch nur ein Bruchteil davon
für die Schweiz massgeblich ist, sind diese Zahlen beeindruckend.
Dazu kommt, dass ein 10-jähriges Kind in den USA typischerweise
2-3x pro Woche mit seinen Eltern zum Einkaufen geht. Dies dürfte
auch für Schweizer Kinder zutreffen. Auch der Umgang mit dem
Computer und dem Internet liegt vielen Kindern nicht fern. Selbst
Kleinkinder gehen ganz selbstverständlich mit der Maus um.
Marktkraft Kind
Die meisten Kinder werden spätestens im Alter von sechs bis sieben
Jahren zu selbst entscheidenden Verbrauchern. Nämlich dann, wenn
wie ihr erstes Taschengeld bekommen. Von da an lernen sie, ihre
Wünsche selbst zu erfüllen. In der Schweiz lebten 1999 knapp
900'000 Kinder (entspricht rund 13% der Gesamtbevölkerung) im Alter
von 5-14 Jahren. Das Taschengeld der 7-15jährigen betrug im
gleichen Jahr nach Angaben der IHA (Hergiswiler Institut für
Marktanalysen) SFr 183 Mio. Das heisst durchschnittlich rund 200
Franken pro Kind. Es darf davon ausgegangen werden, dass dieses Geld
gesamthaft ausgegeben wird. Auch wenn vom Taschengeld etwas gespart
wird, geben die meisten Kinder das Ersparte kurze Zeit später
wieder aus, um endlich den lang gehegten Wunsch zu erfüllen.
Alter Taschengeld in SFr Verwendung
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7-9jährige:
10.75 pro Monat v.a. Süssigkeiten
-
10-12jährige:
18.10 pro Monat Sparen für grössere Anschaffungen
-
13-15jährige:
32.80 pro Monat CDs/Kassetten, Computerspiele, Kino, Kleider,
Kosmetik
Kinder
beeinflussen auch in zunehmenden Masse ihre Eltern. Sie veranlassen
sie, ihnen Dinge zu kaufen, für die sie selbst kein Geld ausgeben
wollen oder können. Nach vorsichtigen Schätzungen geben Eltern und
andere Familienmitglieder das 10fache des Taschengelds ihrer Kinder
für deren Wünsche aus. Ausserdem nehmen die Kleinen auch Einfluss
auf die Kaufentscheidung ihrer Eltern, wenn es um die Markenwahl
bestimmter Produkte geht, z.b. bei Getränken, Süssigkeiten,
Nahrungsmitteln, Spielsachen, Sportartikeln, Bekleidung und Anderem.
Darüber hinaus diktieren Kinder durch „passiven Widerstand“ die
Kaufentscheidungen ihrer Eltern. Dadurch, dass sie Dinge verweigern,
die sie nicht mögen, zwingen sie ihre Eltern, in Zukunft solche zu
kaufen, die ihnen passen. Den sogenannten „Quengelfaktor“ kennen
vermutlich alle Eltern aus eigener Erfahrung. Nicht ausser acht
lassen sollte man die Tatsache, dass aufgrund der Kinderwünsche
gewisse Anschaffungen überhaupt erst von den Eltern in Betracht
gezogen werden.
In den USA wird davon ausgegangen, dass der Kindermarkt über die
nächsten 10 Jahre im zweistelligen Prozentbereich, der das letzte
Jahrzehnt charakterisierte, weiter wachsen wird. Im Jahr 2000 gaben
Kinder 35 Milliarden ihres eigenen Geldes und 300 Milliarden ihrer
Eltern aus. Die Marketingleute sehen über diese mächtigen
Konsumenten und Beeinflusser nicht hinweg. Über 2 Milliarden US$
wurden in Kinderwerbung investiert, das ist 20mal mehr als vor 10
Jahren.
Kindermarketing
Im Bereich des Kindermarketings gilt es, das sich wandelnde
Konsumverhalten im Laufe des Älterwerdens zu beachten. Kinder unter
sieben Jahren können normalerweise nur klare und visuell
verständliche Produkte erkennen. Zu abstrakte und komplexe Dinge
sind unverständlich für sie. Viele der auf sie einstürmenden
Informationen können sie deshalb auch nicht aufnehmen, geschweige
denn werten. Andererseits sind Kinder im gleichen Alter in der Lage,
Logos und Maskottchen erstaunlich gut zu zuordnen. Das zeigt eine
Studie aus dem Jahr 1991 in den USA. 91% der befragten 6jährigen
assoziierten das Kamel mit einer Zigarettenmarke. Bereits
2-3jährige können durchaus Marken bzw. Produkte erkennen. Mit
zunehmendem Alter werden Marken ein Teil der Begriffsbildung von
Kindern. Sie reden zum Beispiel nicht mehr von Schokoladenaufstrich,
sondern von Nutella. Kleine Kinder sind dabei primär vom
Konsumverhalten ihrer Eltern geprägt. Sobald sie zur Schule gehen,
dienen die Marken als Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Gruppe und
in einem weiteren Schritt zur Abgrenzung gegenüber den Eltern. Die
Erkenntnisse der IHA bestätigen die Bedeutung der Marken. Ihre
Umfragen ergaben 1997 einen eindeutigen Trend zum verstärkten
Markenbewusstsein bei Kindern und Jugendlichen. Den Mädchen kommt
beim Marketing eine besondere Stellung zu. Sie entwickeln sich im
Alter von 7-13 eindeutig schneller als Jungen. Sie wollen Produkte,
die eigentlich für Ältere bestimmt sind. Diese wollen sie aber
kindergerecht angeboten bekommen.
Kinder als Schmuckkunden
Das ganz normale Chaos, das mit der Präsenz von Kindern einher
geht, ist schlecht mit der eleganten und luxuriösen Atmosphäre
eines Schmuckgeschäftes vereinbar. Deshalb ist es kein Wunder, dass
- so darf angenommen werden - der weitaus grösste Anteil des
Kinderschmucks auf anderen Wegen verkauft wird. Wer auf google.com
den Suchbegriff „Kinderschmuck“ eingibt, erhält sage und
schreibe 1'200 Einträge aufgelistet. Internet und Versandhandel
scheinen die üblichsten Verkaufskanäle für Kinderpreziosen zu
sein. Nach Auskunft von Rhomberg Schmuck, einer der grössten Firmen
im deutschsprachigen Schmuckversandhandel, beträgt der Anteil der
Verkäufe in diesem Sektor 5% des gesamten Umsatzes. Dieser Anteil
dürfte für den Gesamtmarkt eher hoch sein. Kinderschmuck liegt im
unteren Preissegment von Sfr 50-250 und spielt im Einzelhandel eine
untergeordnete Rolle.
Beispiele für erfolgreiche Kinderschmuckläden sind selten.
Geradezu ein Phänomen in dieser Sparte ist der spanische
Schmuckhersteller Tous. Mit seinem charakteristischen „Bärchen“
ist es dem katalanischen Unternehmen gelungen, zuerst die Herzen der
Kinder und anschliessend das ihrer Mütter zu gewinnen. Was als
Trend unter Schulmädchen in und um Barcelona begann, hat sich zur
Grossfirma mit eigenen Geschäften rund um Spanien und Exporten in
die ganze Welt entwickelt. Das Rezept war ein wieder erkennbares
Design, das gleichzeitig kindlich und cool erwachsen wirkt. Der
umsichtige Kollektionsausbau führte dann dazu, dass Tous auch für
Erwachsene zu einem Statussymbol wurde.
Ganz anders der Kinderschmuckladen von Gabriella von Glasow. Die
Schmuckmacherin ist ein bekennender Kinderfan und hat in ihrem Laden
an der Froschaugasse in Zürich alles auf die kleinen Kunden
ausgerichtet. Vitrinen finden sich auf Augenhöhe von 5jährigen,
ein Baumstrunk dient als Werkbank für Kinder und ein grosser
Plüschfrosch bewacht den Eingang. Die Lieblinge kleiner Kinder sind
in den Händen der Schmuckmacherin zu Schmuck geworden. Bärchen,
Häschen und Mäuschen aus Silber, liebevoll unvollkommen und
deshalb umso mehr zum Gernhaben, sind die Favoriten der kleinen
Mädchen. Lastwagen sprechen die Buben an.
Diese Beispiele zeigen einige wichtige Aspekte des
Kinderschmuckverkaufs auf. Das Sortiment muss stimmen. Einfach
wieder erkennbare Schmusetierchen aus der Welt der Kinder haben die
besten Chancen. Es geht nicht um Prestige, sondern um die emotionale
Bindung, die vom Kind zum Schmuck aufgebaut werden kann. Die
Anforderungen an den Laden sind ebenfalls klar.
Präsentationsflächen auf Kinderaugenhöhe sind unverzichtbar.
Ebenso der Platz zum Spielen oder Lesen. Ein Schmuckgeschäft, das
Kinder willkommen heisst, darf nicht allzu abgehoben und steif
wirken.
Eine grosse Chance in den Kinderkunden liegt in ihrer
Begeisterungsfähigkeit. Wer nach dem Motto: „Früh übt sich, was
ein grosser Schmuckkunde werden will“ auf die Kleinsten einen
bleibenden Eindruck machen möchte, der kann Aktivitäten in dieser
Richtung planen. Eine Spielecke im Geschäft kann ganz im Zeichen
des Schmucks stehen. Glassteine zum Spielen, Holzperlen zum
Aufziehen und Draht zum Verbiegen und Basteln sind ideale
Beschäftigungen. Wer dafür ein Händchen hat, kann auch einmal
eine Schulklasse zum lustvollen Schmuckmachen einladen. Dabei kann
den Kindern auch gleich ein Gefühl für Wert und Bedeutung des
Schmucks vermittelt werden. Dies ist ein Anliegen, das Gabriella von
Glasow besonders am Herzen liegt. Angesichts der heutigen
Wegwerfmentalität ist es ihr wichtig, den Kindern klar zu machen,
dass Schmuck etwas Einmaliges ist, das auf gewisse Weise unersetzbar
ist und deshalb mit Sorgfalt behandelt werden sollte.
(Quellen: viewpoint no 6; IHA Vademecum
2001; Das Magazin Nr 28/2001; newdream.org; small-talk.com;
kidscourier.com; Kindermarketing von Sonja Baumann)
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