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Es könnte schlimmer sein
(Erschienen in Gold'Or  -  Ausgabe 2 / 2002)

VicenzaOro 1 war wie immer der Auftakt ins neue Jahr. Der erste Messebesuch in der Saison war mit grossen Erwartungen verbunden. Was ist neu? Wie ist die Stimmung in der Branche? Kommen die Besucher und wenn ja, kaufen sie auch?

Die Erwartungen an das Weihnachtsgeschäft 2001 waren sehr gedämpft gewesen nach den traumatischen Ereignissen des Herbstes. Die Luxusbranche machte sich auf einen heftigen Taucher gefasst. Es schien während einiger Wochen fast undenkbar, dass die Konsumenten angesichts der Geschehnisse noch Lust auf Luxus hätten. Das Fazit des Journalisten nach unzähligen Gesprächen ist, sie hatten Lust. Aber nicht auf alles. Sie hatten Lust auf trendigen Schmuck, auf individuellen Schmuck und auf Schmuckunikate. Sie hatten auch Lust auf persönliche Bedienung und Einkaufsatmosphäre. Sie hatten aber keine Lust auf Durchschnittsware und unprofessionelle Bedienung. Damit verstärkte sich noch einmal der Druck auf die Schmuckbranche, mit der Zeit zu gehen und sich klar auf dem Markt zu positionieren. Vielen Mitgliedern der Branche scheint dieser Druck irgendwie bewusst zu sein. Aber mit Massnahmen tun sich weite Teile sehr schwer. Viele mussten saftige Umsatzeinbussen in Kauf nehmen und reagierten darauf mit einem „Es könnte schlimmer sein“.

Dieses Fazit ergab sich auch auf der VicenzaOro. Auch hier hörte man diesen ominösen Satz allenthalben. Entsprechend waren die Neuheiten auf der Messe keine grossen, visionären Würfe. Man hatte eher den Eindruck, dass Bewährtes verbessert wurde. Und trotzdem waren die Trends aus Mode und Design auch hier erkennbar. Moulin Rouge und damit die verspielte, weibliche Raffinesse ist auch im Schmuck ein grosses Thema. Liebevoll gestaltete, dreidimensionale Rosen mit dunkelrotem Pavé waren dafür nur ein Beispiel. Als Anhänger, Broschen oder Ohrstecker erinnerten sie an Seidenröschen auf luxuriöser Unterwäsche. Federn und Pelz waren zu sehen. Kunstvoll gestaltete Girlandencolliers im Stile der Viktorianischen Zeit folgten ebenfalls diesem Trend. Diamanten und Perlen, rotes und rosa Pavé sind typisch für diesen Trend.

Dem gegenüber zeichnet sich mehr und mehr der Trend zur Organischen Grafik ab. Beeinflusst von den Russischen Avantgardisten und als Folge eines gewissen Überdrusses von allzuviel Opulenz, ergibt sich hier ein neuer Stil. Grafische Elemente wie Spiralen und Schlangenlinien, kombiniert mit klaren, geometrischen Formen wirken gleichzeitig luxuriös, aber auch sehr schlicht. Die Ausführung in Pavélinien mit grossen Einzelsteinen oder Perlen macht diesen Stil zu einer interessanten Form einer neuen Klassik. Hier finden wir kräftige Edelsteinfarben und ungewöhnliche Materialkombinationen. Saphir, Smaragd und Rubin sind häufig vertreten. Schwarze, braune oder gelbe Diamanten werden mit weissen Diamanten kombiniert. Orange und olivgrün bilden ein spannendes Duo. Die kräftigen Farbpavés werden ausnahmslos auf geschwärztem Metall verwendet. Diese Technik verleiht den Farbsteinen zusätzliche Intensität.

Der dritte Trend verstärkt noch einmal ein Thema, das sich schon länger in anderen Bereichen angekündigt hat. Vintage holt seine Inspirationen auf dem Flohmarkt, aus den Erbstücken der Grossmutter und der Folklore aus aller Herren Länder. Edelsteinketten werden vielfarbig zusammengesetzt und zusätzlich mit Perlen in exotischen Farben kombiniert. Türkis, Koralle, facettierter Bernstein und chinesische Jadeschnitzereien sind wichtige Bestandteile dieses Looks. Wir finden aber auch subtile Farbzusammensetzungen wie Citrine mit Rauchquarz und Bergkristall. Die Ringe mit grossen Mittelsteinen sehen aus wie geerbt. Lange Ohrgehänge runden diesen Trend ab.

Mit diesen Produkttrends liegt die Branche ohne Zweifel richtig. Aber es genügt nicht, zeitgemässe Produkte zu präsentieren. Mindestens so wichtig ist es, diese auch so an den Kunden heran zu tragen. Kommunikation, Marketing und ein gewinnendes Selbstvertrauen in die eigenen Stärken gehören ebenfalls dazu. Die Einstellung „Es könnte schlimmer sein“ ist nicht der richtige Ansatz.


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