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Dringend benötigt: Unnötiges
(Erschienen in Gold'Or  -  Ausgabe 1 / 2003)

Die Spassgesellschaft, die noch vor zwei Jahren unbeschwert ins neue Millennium rutschte, hat erst mal ausgelacht. Allenthalben fliegen Bomben in die Luft, der Amerikanische Präsident rasselt mit dem Säbel und Wasser- und Schlammlawinen machen vielen Europäern das Leben schwer. Grosskonzerne lösen sich über Nacht in Luft auf und mit ihnen Vermögen und Arbeitsplätze. Nachdenklichkeit macht sich breit. Zu viel passiert um uns herum, um noch unbeschwert einzukaufen. Zu unsicher sind die Zeiten, um noch Geld für „Unnötiges“ auszugeben. „Unnötiges“ etwa, wie Schmuck. Wieder einmal trifft es die Schmuckbranche zuerst, wenn die Geldbeutel dünner werden. Dagegen anzukämpfen wird schwierig sein. Traurig ist, dass die Branche an allen Ecken und Enden betroffen ist. Selbst wer eigentlich alles „richtig“ macht, sieht die Kunden am Geschäft vorbei gehen.

Die Aussichten für 2003 sehen nicht rosiger aus. Und trotzdem, an irgendetwas muss man sich ja festhalten. Nicht nur die Schmuckleute, sondern auch die Konsumenten. Wo Unsicherheit und auch Angst ist, findet immer auch eine Rückbesinnung auf die Werte statt, die einem wirklich etwas bedeuten. Zwischenmenschliche Beziehungen spielen eine viel grössere Rolle. Religion, Spiritualität oder auch nur der Wunsch nach etwas Schutz treten vermehrt in den Vordergrund. Seelenlose Massenprodukte verlieren ihren Reiz und an ihre Stelle tritt der Wunsch nach etwas Einmaligem. Schmuck kann man immer bei sich tragen, selbst dann, wenn man sich auf der Strasse nicht mehr so wohl fühlt. Vielleicht sollte er dann nicht mehr so teuer sein oder teuer aussehen. Vielleicht sollte er viel mehr für einen selbst, nicht für andere sein.

Schmuck kann all dies bieten. Immer schon in der Geschichte hat Schmuck symbolische Bedeutung für die Menschen gehabt. Er war immer schon Ausdruck von Beziehungen der Menschen untereinander. Dieser Aspekt sollte viel mehr betont und in die heutige Zeit integriert werden. Die Vereinzelung in der heutigen Gesellschaft bedeutet nicht, dass die Menschen keine Beziehungen mehr untereinander pflegen. Im Gegenteil, viele alleinlebende Menschen haben ein weitverzweigtes soziales Netz. Es gäbe also Platz für Schmuck, den man unter Freunden austauscht oder der die Kinder einer Patchwork-Familie untereinander verbindet.

Glücksbringer, Talismane und religiöse Symbole sind ebenfalls seit jeher eine Domäne der Schmuckbranche. Auch hier ergeben sich neue Möglichkeiten. Die Globalisierung bringt Menschen vermehrt in Kontakt mit fremden Kulturen. Deren Symbole können zu ganz persönlichen Schmuckstücken werden. Es muss ja nicht immer das Dauerthema Kreuz sein. Individualität drückt sich auch in Farbe aus. Im Schmuck wird dieses Thema noch für einige Zeit ganz wichtig bleiben. Farbedelsteine, raffinierte Perlentöne und auch interessante Metallfarben und –patinierungen bieten ungeahnte Möglichkeiten für einzigartige Schmuckstücke.

Goldschmiede hatten immer eine besondere Stellung in der Gesellschaft inne. Sie waren Vertrauensperson ihrer Kunden. Dabei ging es wohl um wertvolle Objekte, aber auch um die Gefühle, die damit verbunden waren. Wenn es der Schmuckbranche gelingt, nicht nur die materielle Seite des Schmucks zu vermitteln, sondern auch dessen menschliche und emotionale Dimensionen, dann würde den Konsumenten der Schmuck vielleicht plötzlich nicht mehr so „unnötig“ erscheinen.


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