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10 Jahre Schmucktrends
(Erschienen in Gold'Or
- Ausgabe 4 / 2003)
Der Rückblick auf zehn Jahre
Schmucktrendgeschichte zeigt, wie stark sich die Schmuckbranche als
Ganzes verändert hat. Genau genommen hat sich alles verändert,
ausser dem menschlichen Grundbedürfnis, sich zu schmücken.
Lokal zu Global
Schmuck ist eigentlich schon immer ein globales Geschäft
gewesen. Schon in der Antike wurde mit Schmuck oder Edelsteinen weit
über Regionen und Meere hinweg gehandelt. Auch im Mittelalter haben
Goldschmiede grenzüberschreitende Kontakte gepflegt und dabei auch
Design und Wissen ausgetauscht. Überall, wo wichtige Edelsteinfunde
gemacht wurden, waren auch schnell Händler vor Ort und kauften für
die vermögenden Adeligen und Bürgerlichen in Europa ein. Trotzdem
ist die Beziehung des Juweliers oder Goldschmieds zu seinen Kunden
über die Jahrhunderte mehrheitlich eine lokale Angelegenheit
geblieben. Heute hingegen erlauben weltumspannendes Reisen und
unerschöpfliche Informationsquellen dem Konsumenten einen viel
besseren Überblick über das weltweite Schmuckgeschehen. Das führt
dazu, dass ein Schmuckgeschäft heute nicht nur die Kollegen in der
eigenen Region, sondern genau genommen des ganzen Landes - und über
die Grenzen hinweg im Ausland - als Konkurrenten hat. Die daraus
resultierenden Vergleichsmöglichkeiten sind natürlich ein Vorteil
für den Kunden. Die Schmuckbranche insgesamt kommt im Zuge dieser
Entwicklung jedoch unter enormen Zugzwang.
Dazu kommt, dass Konsumenten heute auch die Vergleiche zwischen den
einzelnen Branchen anstellen. Grundsätzlich herrscht ein enormer
Warenüberfluss in jedem denkbaren Bereich. Deshalb ist das
Einkaufserlebnis zu einem zentralen Wert geworden. In diesem Bereich
fällt es der Schmuckbranche nicht leicht, den Anschluss zu
behalten. Schon allein die nötigen Sicherheitsvorkehrungen
verhindern viele erlebnisorientierte Ladengestaltungen.
Schwellenangst auf Seiten des Konsumenten und unzeitgemässes
Luxusverständnis vieler Einzelhändler dämpfen deshalb das
Einkaufserlebnis empfindlich und lassen die Schmuckbranche im
Vergleich mit anderen Luxusbereichen unattraktiv erscheinen.
Vielfalt neuer Materialien
Vor zehn Jahren war der Schmuckbegriff sehr klar definiert.
Gold, Diamanten und die klassischen Farbedelsteine beherrschten
zusammen mit japanischen Akoyazuchtperlen das Bild. Seither hat sich
viel verändert. Im Bereich der Edelmetalle sahen wir den Aufstieg
des Platins ins Bewusstsein einer breiteren Käuferschicht. Silber
hat sich von seinem Billigimage der 70er und 80er Jahre vollständig
gelöst und eine eigenständige Marktposition gefunden. Stahl und
Titan haben sich einen Markt erobert. Diamanten haben vor dem
Hintergrund der Neuausrichtung von De Beers den Weg ins Branding
gesucht. Viele Diamanten werden heute mit neuen, interessanten
Schliffen vermarktet oder mit lasergravierten Codes oder
persönlichen Botschaften ausgerüstet. Heutzutage werden auch
Diamanten in zuvor undenkbaren Farben verarbeitet. Die Farben Braun
und Schwarz haben den Schmuckmarkt erobert.
Bei den Farbsteinen haben sich über die vergangenen zehn Jahre
grundlegende Veränderungen abgezeichnet. Es wurden neue, zuvor
unbekannte Edelsteinvarianten, wie der Paraiba-Turmalin und der
Mandaringranat gefunden. Es hat sich aber auch eine neue Sicht auf
Edelsteine grundsätzlich entwickelt. Mit neuartigen Schliffmethoden
wurde Edelsteinmaterial, das früher keine Beachtung fand, zu
aufregenden, individuellen Schmucksteinen verarbeitet.
Computergesteuerte Schleifautomaten erlauben, Edelsteine mit hoher
Präzision zu schleifen und damit eine zuvor kaum je erreichte
Brillanz im Edelstein zu wecken. Farbedelsteine erreichen so eine
zuvor kaum gekannte Schönheit und Präsenz.
Last but not least hat der Perlenmarkt eine grundlegende
Veränderung erfahren. Die heutige Vielfalt des Perlenangebots war
bis vor wenigen Jahren nicht denkbar. Die Varianten reichen heute
von den grossen Südseezuchtperlen, über die erstaunliche Qualität
der Süsswasser-Zuchtperlen bis zu den Möglichkeiten, die sich aus
Färbemethoden und dem Einsatz verschiedenster Kerne ergeben, um
alle Arten von Fantasieformen zu erreichen. Damit kann der
Perlenmarkt eine viel breitere Kundschaft ansprechen und
entsprechend ist die Wichtigkeit dieses Schmucksegments gegenüber
früher viel grösser.
In diesem Zusammenhang ist auch die „Wertigkeit“ zu erwähnen.
Die Mündigkeit der heutigen Konsumenten macht es zunehmend
schwieriger, Wertigkeit zu diktieren. Schön ist, was jemand als
Solche empfindet. Diese Ausweitung und Individualisierung des
Schönheitsbegriff ermöglicht es heute, alle möglichen Materialien
zu verarbeiten und anzubieten. Schönheit liegt im Auge des
Betrachters. Deshalb hat heute gleichzeitig ein intensiv blauer,
lupenreiner Aquamarin in klassischem Schliff ebenso seine
Berechtigung wie ein modern geschliffener Aquamarin von heller,
blaugrünlicher Farbe und einem interessanten Innenleben.
Schmuck im Modekontext
Vielen Branchenvertretern ist es noch immer ein Dorn im Auge,
wenn Schmuck in den Kontext der Mode gestellt wird. Auch diese
Entwicklung ist - mit allen Vor- und Nachteilen - nicht mehr
rückgängig zu machen. Verschiedene Ursachen spielen hier zusammen.
Zunächst einmal hat über die vergangenen Jahrzehnte eine
grundsätzliche Demokratisierung des Luxus stattgefunden. Das heisst,
dass Luxusgüter, die früher einer reichen Oberschicht vorbehalten
waren, heute für eine viel breitere Bevölkerung erreichbar sind.
Der zweite Faktor ist die zunehmende finanzielle Unabhängigkeit der
Frauen. Schmuck wird tatsächlich immer mehr von den Frauen selbst
gekauft. Diese neuen, selbständigen Kundinnen haben denn auch
vielfach andere Auswahlkriterien als Männer. Schmuck muss für
immer mehr Frauen ein Ausdruck ihrer Persönlichkeit sein oder ganz
einfach zur Garderobe und in den - gepflegten - Berufsalltag passen.
Damit sind wir an dem Punkt, wo Mode und Schmuck zusammen passen
müssen, um eine Frau zum Kauf zu bewegen. Viele Konsumentinnen sind
modeinteressiert und informiert darüber, welcher Schmuck zur
jeweiligen Garderobe passt.
Entsprechend hat sich das Schmuckdesign in den vergangenen Jahren
immer mehr den allgemeinen Design- und Modetrends angepasst. Die
zweite Hälfte der Neunziger Jahre waren geprägt von einem
minimalistisch-kleinen Schmuckverständnis. Der schlichte Modestil
in neutralen Farben vertrug keine opulenten Schmuckstücke mehr.
Weisse Metalle traten zusammen mit Diamanten und lichten
Pastellfarben einen Siegeszug an. Strenge, einfache Formen und
kleine Formate bestimmten die formale Gestaltung des Schmucks.
Höhepunkt dieser Entwicklung war sicher der kleine Diamantsolitär
am Hals, der an der durchsichtigen Gitarrensaite getragen wurde.
Weniger ging nicht.
Kurz vor dem Millennium zeichnete sich dann die Trendwende ab. Die
Konsumentinnen und die Modemacher hatten genug von dem „Weniger
ist mehr“. Die hochgelobte Globalisierung bekam Risse und der
weltumspannende, modische Uniformismus wurde schal und langweilig.
Eleganz, Individualität, traditionelle Handwerkstechniken: kurz,
die inszenierte Kleidung wurde wieder interessant. Damit war der
Schmuckbranche auf einmal der Weg offen, klassisch inspirierten,
juwelenartigen, hochdekorativen Schmuck anzubieten. Die Stilrichtung
bewegte sich weg vom konstruierten, modernen Design hin zu einer
historisierenden, goldschmiedisch-handwerklichen Formensprache.
Gross, bunt und barock sind die Attribute des aktuellen
Schmuckdesign. Das Angebot ist breit gestreut und reicht von fast
Accessoire-artigen, erschwinglichen Schmuckstücken bis zur
einzigartigen Haute Joaillerie-Kreation. Erstmals zeigen wieder
Männer Interesse an Schmuck. Vor allem junge Männer tragen,
inspiriert von der Schwulenszene, wieder grosse Anhänger, Ringe und
Armbänder.
Wie weiter?
Die bisher beschriebenen Entwicklungen werden sich in der
Zukunft nicht wieder umkehren lassen. Das Interesse an Schmuck, das
vor allem auch von den Redaktionen in Mode- und Frauenzeitschriften
transportiert wird, hält ganz sicher weiterhin an. Letztendlich
aber ist es die Schmuckbranche selbst, die darüber entscheidet,
wieviel Lebenslust und damit auch Kauflust zur Konsumentin
transportiert wird. Schmuckfachleute sind heute gefordert, ihr
Produkt in einen grösseren Kontext von Mode, Design und Lifestyle
zu stellen. Das sind für viele Branchenvertreter ganz neue Aspekte
ihres Berufsalltags. Genau da liegen aber auch die Chancen der
Zukunft.
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