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Wahre Werte
(Erschienen in Gold'Or
- Ausgabe 1 / 2004)
Die
Zeit seit dem Millennium war geprägt von Schrecken, Verunsicherung
und Enttäuschungen. Das Vertrauen der Gesellschaft in Wirtschaft
und Politik wurde arg gebeutelt. Ernüchterung macht sich breit. Das
Leben in Saus und Braus, die immerwährenden Zuwächse; diese
Illusionen scheinen sich allmählich in Luft aufzulösen.
Die Erkenntnis reifte, als kürzlich der neue Piratenfilm
"Master & Commander " mit Russell Crowe in die Kinos
kam. Warum in aller Welt ausgerechnet Piratenfilme? Eine mögliche
Antwort könnte lauten: in Piratenfilmen gibt es immer einen Helden,
der selbstlos für seine Königin oder Admiralität kämpft, der
immer für seine Mannschaft da ist und der auch den widrigsten
Wetterverhältnissen trotzt. Er ist ein erfahrener Seemann und kennt
sich auf allen Meeren aus. Er ist ein echter, wahrer Held. Natürlich
gibt es diese Supermänner normalerweise nur in den Märchen oder in
der Fantasie. Nichtsdestotrotz scheint das Bedürfnis nach echten,
wahren "Helden" zu steigen. Zu stark ist die Enttäuschung
über Wirtschaftsführer und Politiker, die allesamt aus Eigennutz
handelten oder sich als schlicht unfähig für ihre Aufgabe
erwiesen. Die dauernde Verunsicherung hat bei jedem Einzelnen dazu
geführt, dass der Wunsch nach Sicherheit übermächtig geworden
ist. Die Gesellschaft möchte wieder an Menschen glauben können,
die ohne Hintergedanken kompetent im Sinne ihres Auftrags handeln
und nicht hinter den Kulissen knallhart Eigeninteressen verfolgen.
Unter ganz ähnlichen Vorzeichen lässt sich auch über das
Konsumverhalten der nahen Zukunft nachdenken. Der Rückblick auf die
jüngere Vergangenheit zeigt, dass die Flut der global erhältlichen
Güter und Markenprodukte zu einer breiten Banalisierung des
Angebots geführt hat. Vor diesem Hintergrund hat sich in den
vergangenen Jahren das Bedürfnis nach lokalen Spezialitäten verstärkt.
Der starke Ethnotrend der letzten Jahre lässt sich teilweise damit
erklären. Im Luxusbereich kam zum Ethno- der "Vintage"-Trend.
Traditionelles wurde noch begehrenswerter, wenn es antik oder
zumindest alt war. Die Wertschätzung ergab sich aus dem
unverwechselbaren Design einer bestimmten Epoche, der oftmals
verloren gegangenen Handwerkskunst und der daraus resultierenden
Exklusivität des Objekts. Solche Produkte haben eine wahre
Einmaligkeit, die nicht von irgendwelchen Marketingstrategen herbei
geredet wird. Sie brauchen keine Marke, um ihren Wert zu
manifestieren. Sie sind ganz ohne kommunikativen Überbau einfach
wertvoll.
Diese Entwicklung sollte die Schmuckbranche ernsthaft in ihre Überlegungen
zur Zukunft in einem absehbar schwierigen, wirtschaftlichen Umfeld
einbeziehen. Was kann ein Fachhändler oder Goldschmied seinem
Kunden an "wahren" Werten anbieten? Ist es vor diesem
Hintergrund noch opportun, einen dünnwandigen, hohlen, möglichst
leichtgewichtigen Goldring anzubieten? Wäre es nicht vielleicht
angebrachter, dem Kunden im gleichen Preisbereich einen massiven
Silberring anzubieten, der in Design und Verarbeitung qualitativ
einwandfrei ist? Sollte vielleicht jeder darüber nachdenken, was
das Wort "Fachhandel" eigentlich bedeutet? Welche
Leistungen sollte ein Geschäft dem Kunden bieten, um dieses Prädikat
überhaupt zu verdienen?
Li
Edelkoort, eine der renommiertesten Trendforscherinnen, riet den
Vertretern der Modebranche anfangs dieses Jahres anlässlich ihrer
Präsentation, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ihr Credo
lautete: "Machen sie schöne, tragbare Kleider mit all ihrem Können,
das Ihnen zur Verfügung steht. Verschwenden Sie nicht zu viel
Energie auf das Drumherum." Diese Botschaft kann auch auf die
Schmuckbranche angewendet werden. Im Mittelpunkt sollte das echte,
wahre Produkt stehen. Wie dieses aussieht, muss jeder für sich
entscheiden. Darüber hinaus jedoch müssen sich die Vertreterinnen
und Vertreter der Branche viele und weiter denn je gehende Gedanken
machen, wie sie diese Werte dem Konsumenten vermitteln können. In
Zeiten wie diesen muss das Vertrauen eines jeden Kunden tagtäglich
neu gewonnen werden.
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