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Der Wert der Erfahrung
(Erschienen in Gold'Or
- Ausgabe 3 / 2004)
Wer kennt das Thema nicht: Kommt
da ein Grünschnabel daher, macht alles neu und hat einen
Riesenerfolg. Umgekehrt kommt ein Grünschnabel daher, macht alles
neu und liegt total daneben. Als alter Hase kommt man sich da je
nach dem ziemlich ratlos oder einmal mehr in allem bestätigt vor.
Die Frage stellt sich nach dem wahren Wert der Erfahrung.
Was nützt die
Erfahrung, dass eine bestimmte Art von Ketten vor vierzig Jahren
schon mal auf dem Markt und absolut unverkäuflich war? Was nützt
umgekehrt die Erfahrung, dass vor zwanzig Jahren eine Königskette
das absolute Nonplusultra war? Was können wir aus der Tatsache
schliessen, dass im mittleren Osten traditionell hoch legiertes Gold
verkauft wird? Und was nützt uns die Einsicht, dass Männer in der
Vergangenheit Wappenringe trugen, für die Zukunft? Die Antwort
lautet: Wenig bis gar nichts.
Das Gegenteil scheint wahr zu sein. Handlungsweisen, die strikt auf
Erfahrungswerten basieren und sich unkritisch immer wieder auf
Vergangenes beziehen, führen unweigerlich zum Stillstand.
Andererseits können Erfahrungen nicht hoch genug geschätzt werden,
wenn es darum geht, Prozesse und technische Abläufe zu optimieren.
Erprobte Arbeitsweisen oder Organisationsformen helfen bei der
erfolgreichen Umsetzung von Projekten. Erfahrungen helfen nicht
zuletzt immer da, wo es um die Zusammenarbeit zwischen Menschen
geht.
Was bedeutet das für die Schmuckbranche? Sehr oft fehlt der
Schmuckbranche ein Erfahrungsschatz, den andere Branchen schon lange
für sich erarbeitet haben. Es geht um Strukturen, Spezialistentum,
Hilfsmittel und Organisationsformen. Die Rede ist natürlich nicht
vom technischen Knowhow. Wie man Schmuck macht, wissen wir. Obwohl
auch in diesem Bereich mehr und mehr die Gefahr besteht, dass
handwerkliches Wissen für immer verschwindet. Es geht viel mehr um
ausgebildete Spezialisten im Marketing-, Management- oder
Produktmanagementbereich. Es geht um allgemein anerkannte
Hilfsmittel wie leistungsfähige Computerprogramme, die ein
zeitgemässes Waren- und Kundenmanagement ermöglichen. Es geht um
Organisationsformen, die ein professionelles und zeitgemässes
Arbeiten ermöglichen.
Diese Art von Erfahrungsaufbau hat die Branche als Ganzes bisher
nicht ernst genug betrieben. Es werden auch heute noch keine
Ausbildungsprogramme für Marketing und Managementberufe in der
Schmuckbranche angeboten. Spezialisten zu suchen gestaltet sich in
etwa gleich schwierig wie die berühmte Suche nach der Stecknadel im
Heuhaufen. Da diese Art von Erfahrungen zu wenig systematisch
aufgebaut werden, wird die Branche daran gehindert, den
Marketingvorsprung verwandter Branchen aufzuholen. Auf der anderen
Seite werden Sortimentsentscheide auf Hersteller- aber auch auf
Einzelhandelsseite unreflektiert auf Vergangenheitswerten gefällt,
ohne den Konsumenten in die Gleichung mit ein zu beziehen.
Damit kommen wir zum springenden Punkt. Die Konsumenten fällen ihre
Entscheidungen über einen Schmuckkauf aus ganz anderen
Beweggründen als die Branche gemeinhin annimmt. Sie sind nicht
jeden Tag mit Schmuck konfrontiert, sondern nur sehr punktuell. Dann
informieren sie sich in der Mode- oder Gesellschaftspresse und in
den Schaufenstern der Juweliere, um sich einen Überblick zu
verschaffen. Wofür sie letztendlich bereit sind, Geld auszugeben,
wird aus dem Moment heraus entschieden. Mit dem fortwährenden
Wandel im Bewusstsein der Konsumenten, kommt es damit zu immer neuen
Entscheidungskriterien beim Kauf.
Letztlich ist der Wandel das einzig Beständige. Die Schmuckbranche
sollte sich vermehrt und schneller den nötigen strukturellen
Erfahrungsschatz erarbeiten, um diesen Wandel in immer neuen und
aktuellen Produkten auszudrücken. Dann hat sie den nötigen
Vorsprung, um die Kundin in ihren wechselnden Bedürfnissen
abzuholen. Die Grünschnäbel mit Erfolg machen genau das.
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