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Perlen
im Farbenrausch
(Erschienen im Frühjahr 2003 in der Neuen
Zürcher Zeitung - NZZ)
Wechselvolle Geschichte der Perle
Lange vorbei sind die Zeiten,
als Perlen eins der kostbarsten und seltensten Güter darstellten,
die ein Mensch besitzen konnte. Seit Kokichi Mikimoto vor hundert
Jahren seine Zuchtmethode für Perlen entwickelt hat, sind sie nicht
mehr das Privileg einiger weniger, sondern zu einem Schmuckklassiker
des 20. Jahrhunderts geworden. Heute gehört der schlichte
Zuchtperlchoker zur Grundausstattung fast jeder Frau.
Obwohl die andauernde Beliebtheit der Perle über die letzten
Jahrzehnte ungebrochen blieb, gab es doch immer wieder Zeiten, in
denen sie beim Juwelier in die unteren Schubladen rutschten. Die
Nachfrage sank und beschränkte sich auf wenig mehr als das
traditionelle Hochzeitscollier. Die Designer beschäftigten sich mit
anderen Materialien, und das Perlendesign setzte langsam Jahrringe
an. Vor ungefähr fünf Jahren begann sich international eine andere
Entwicklung abzuzeichnen. Die Perlen bereiteten sich auf ihr grosses
Comeback vor.
Minimalismus und barocke Üppigkeit
Auf einmal hatte man wieder Lust auf den sanften Schimmer und die
zurückhaltende Eleganz von Perlen. Das von der Mode gefeierte Ideal
der schlichten Natürlichkeit und Weiblichkeit konnte keine
treffendere Interpretation als Perlenschmuck finden. Die
geometrische Grundform der Kugel kombiniert mit der dem irisierenden
Lüster der Perle passte perfekt zum minimalistischen Stil, der sich
in den letzten Jahren in allen Designbereichen etabliert hat.
Die Gegenbewegung zum
Minimalismus, die Naturformen und barocke Üppigkeit favorisiert,
hat sich ebenfalls der Perle bemächtigt. Diese Stilrichtung
unterstreicht die Persönlichkeit einer Frau und symbolisiert
gleichzeitig ihre Individualität. Barockperlen und speziell die
schwarzen Tahitizuchtperlen wurden zu einem häufig verwendeten
Gestaltungsmittel der Kreateure dieser Stilrichtung.
So wurden Perlen aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt und mitten ins
aktuelle Designgeschehen hinein katapultiert. Heute gibt es eine
enorme Vielfalt von Schmuckkollektionen, die zeitgemässen und
tragbaren Perlenschmuck bieten. Perlen werden mit Vorliebe einzeln
getragen, sei es als Solitär oder Ohrhänger. Beim Halsschmuck
werden Perlen einzeln getragen oder lose aufgereiht, damit jede
Perle richtig zur Geltung kommt.
Neue
Vielfalt der Perlen
Nicht nur den
Schmuckdesignern ist es zu verdanken, dass Perlen weltweit ganz oben
in der Gunst der Frauen stehen. Die Perlenzüchter haben ebenfalls
dazu beigetragen. Die Zuchtperlen von heute sind so atemberaubend
und verführerisch wie nie zuvor. Bis Mitte der Achtziger Jahre
kannte die breite Öffentlichkeit nur die Akoya-Zuchtperlen aus
Japan. Nur wenige Eingeweihte kannten damals schon die schwarzen
Tahitizuchtperlen. Heute sind diese auf dem Markt bestens etabliert.
Die Atolle und smaragdgrünen Lagunen des Südpazifiks sind die
Heimat der Tahitizuchtperlen. Dort wurde die schwarzlippige
Perlenauster Pinctada
margaritifera entdeckt, aus der die geheimnisvollen
Tahitizuchtperlen stammen. Sie können schwarz, dunkel- oder
silbergrau sein. Der seltenste Farbton ist Schwarzgrün – einer
Pfauenfeder gleich. Die Formen sind von einzigartiger Vielfalt und
reichen von rund, oval, tropfenförmig, unregelmässig bis stark
barock.
Die Südsee hat aber noch mehr zu bieten. Südseezuchtperlen gelten
als die „Königinnen der Perlen“ und als „Perlen der Königinnen“.
Ihre Aufzucht -
meistens an den Küstenstreifen Nordwest-Australiens, der
Philippinen und Indonesiens – ist aufwendig und kostspielig. Dank
ihrer Seltenheit und ihrer faszinierenden Grösse von zehn bis
zwanzig Millimeter sind sie äusserst kostspielig. Man findet sie überwiegend
in runden bis ovalen Formen, unregelmässig bis barock. Farben von
Weiss über Silberblau bis zu einem aussergewöhnlichen Goldton
wetteifern um die Gunst höchster Ansprüche.
Die neuste Bereicherung der Perlenwelt kommt nicht aus dem Meer,
sondern aus einem See, nordöstlich von Tokyo. Dort gelang es
innovativen Perlenzüchtern, eine faszinierende neue Perlenart zu
schaffen: die Kasumiga-Zuchtperle. Sie bezaubert nicht nur mit ihrer
ungewöhnlichen Farbe, die von Zartrosé
bis zu dunklem Pink reicht, sondern auch mit ihrem intensiven Lüster.
Ihre Grösse variiert zwischen zehn bis fünfzehn Millimetern.
Bei dieser Vielfalt ist es kein Wunder, dass frau den Perlen einfach
nicht widerstehen kann. Aber warum sollte sie auch?
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