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Feuerwerk der Farben - neue Schmucktrends eklektischer als je zuvor
(Erschienen am 29. März 2005 in der Neuen Zürcher Zeitung - NZZ)


Die Schmuckwelt 2005 präsentiert sich farbenfroher, eklektischer und anmutiger als je zuvor. Die totale Abkehr von schlichter Zurückhaltung könnte nicht ausgeprägter sein in diesem Frühling, der ganz im Zeichen von Farbe, Phantasie und Überraschung steht.

«Presumed innocence», dieses nur unvollständig mit «Vermutete Unschuld» wiedergegebene Motto der diesjährigen Frühlings-/Sommermode spricht Bände. Bauchnabelfreie Tops und tief angesetzte Hüfthosen spielen keine Rolle mehr auf den Laufstegen. Die weibliche Taille dient vielmehr der Inszenierung einer fast vergessen gegangenen «Angezogenheit». Kunstvoll geschneiderte Kleider, Jacken und Jupes, Hosen und Blusen zeichnen die Frau in einem sentimentalen «Grossmutter»-Look, der, an die heutige Zeit adaptiert, modern und sehr erwachsen wirkt. Die Mode basiert auf dem Spiel von Materialien und Proportionen. Wir sehen einen romantischen Eklektizismus, der Elemente aus verschiedenen Zeiten und Kulturen anspruchsvoll kombiniert. Aus dem Mix von Materialien, Mustern, Drucken und aufwendigen Accessoires entsteht eine farbige, unbeschwerte Collage.

Tendenzen im Stilmix

Der Überblick über die vergangenen Modeschauen in verschiedenen europäischen Metropolen hinterliess den Eindruck, dass alles geht. Trotzdem lassen sich einige Tendenzen im allgemeinen Stilmix ausmachen. Die fernen Gefilde des indischen Subkontinents haben auf jeden Fall einen grossen Einfluss auf die Material- und Farbensprache der Saison. Vor allem im Bereich der Accessoires sind aufwendige Stickereien und sorgfältig aufgenähte Perlen und Steine allgegenwärtig. So findet sich die prächtige Ornamentik auch in vielen Schmuckstücken wieder. Die faszinierenden Muster der reichen afrikanischen Kultur bilden zusammen mit dem wiederentdeckten Kolonialstil eine ganz neue Verbindung von urbaner Eleganz. Armreifen und lange Ketten ergänzen diesen Trend im Schmuckbereich.

Ozeanische Inspirationen nehmen die ganze Palette von blaugrünen Wasserfarben auf, spielen einmal mehr mit dem Matrosenlook oder setzen Korallen als expressives Stilmittel ein. Glamourös und distanziert wirkt der Stil altgriechischer Göttinnen, der mit körperumschmeichelnden Fortuny-Plissés die Erinnerung an Filmdiven der fünfziger Jahre heraufbeschwört. Dazu passt der nach wie vor gültige Juwelenstil jener Epoche. Zu guter Letzt manifestiert sich ein mädchenhaft verträumter Stil mit Blümchenkleidern und -blusen und vielen handgearbeiteten Elementen wie Stickereien und Häkelblumen in zarten Pastells. Broschen in verspielten Motiven wie Blumen, Insekten und Früchten unterstützen diesen Trend. Neben solch auffälligen und originellen Zitaten stehen monochrome Farbpaletten. Leuchtende Gelbtöne transportieren ungebrochenen Optimismus, Grüntöne greifen den Retrotrend mit Jadegrün und subtilen Avocadonoten auf.

Die Flucht in sichere Werte und die Faszination für das Einmalige halten sich im Moment die Waage. Das heisst für die Schmuckbranche, dass die Nachfrage nach dem klassischen Diamanten ungebrochen stark ist, anderseits die Verlockung der einmaligen, seltenen und weniger bekannten Edelsteine und Perlen immer grösser wird. Dies zeigt sich einmal mehr im gegenwärtigen Konsumtrend zum individuellen, persönlichen Stück - eine Herausforderung, die auch in der Modebranche immer stärker zum Tragen kommt. In der heutigen Zeit setzen sich kommerzielle Trends so schnell durch, dass sich die Konsumenten überfordert fühlen und immer mehr die Nachhaltigkeit im Produkt suchen. Das einmalige Stück, das aus dieser schnelllebigen Konsumwelt ausschert und zum persönlichen Begleiter wird, hat so einen immer höheren Stellenwert für viele Konsumenten.

Der phantasievolle Umgang mit Materialien ist auch für Schmuckdesigner der Ausgangspunkt für neue Kreationen geworden. Der anhaltende Retrotrend hat dazu geführt, dass die Gestalter zusehends mit Geschmack und spielerischer Sicherheit Elemente verschiedenster Epochen zu mixen verstehen. Stilsicherheit und ein gutes Geschmacksurteil sind die Voraussetzungen für einen souveränen Umgang mit so vielen expressiven Elementen. Die zweite Herausforderung besteht im subtilen Umgang mit Materialien und Farben. Li Edelkoort hob an ihrer letzten Trendpräsentation in Paris hervor, dass die Fähigkeit, Farben zu analysieren und souverän zu kombinieren, heute eine essenzielle Voraussetzung für einen Gestalter sei. Entsprechend hoch ist das Risiko, dass diese Gratwanderung nicht allen Designern gelingt, was zur Folge hat, dass neben vielen ästhetischen Meisterwerken Produkte auch immer wieder den Kitsch streifen.

Schmuck mit einem Augenzwinkern

Der romantische Eklektizismus der Mode manifestiert sich in den Schmucktrends verspielt und vielfältig. Für Romantikerinnen brechen goldene Zeiten an. Zarte Pastelltöne in fast allen Ausprägungen kommen jetzt im Schmuck zum Tragen. Der grosse Trend des vergangenen Jahres zu Rosa setzt sich ungebrochen fort. Wer sich im letzten Sommer noch nicht mit dieser Farbe anfreunden konnte, wird es spätestens jetzt tun, und dies mit gutem Grund: Rosa in allen Schattierungen von Lachs bis Pink schmeichelt jeder Frau und verschafft ihr im Handumdrehen einen frischen Teint. Die Auswahl an rosa Farbsteinen und Perlen ist gross, es findet sich grundsätzlich für jedes Budget eine charmante Umsetzung.

Ganz neu und entsprechend frisch kommen die Grüntöne auf den Markt. Was vor zwei Jahren mit dem zaghaften Vorstoss von Jade begonnen hatte, setzt sich jetzt mit aller Kraft durch. Jade selbst bleibt aktuell, vor allem in Form von chinesischen Schnitzereien. Dazu kommt die ganze Palette der grünen Schmuckmaterialien. Die Bandbreite beginnt beim zarten Heliodor, geht über den olivfarbenen Peridot zum schattierungsreichen Turmalin, auch der Smaragd rückt wieder in den Vordergrund. Neben Kombinationen verschiedener Grüntöne wird Grün im Zuge des ozeanischen Trends auch zusammen mit Türkis und Aquamarin verwendet.

Im Reigen der zarten Farblichkeit darf auch Gelb nicht fehlen. Diese Farbe bringt sozusagen alle anderen erst so richtig zum Strahlen. Die eigentlich undenkbare Kombination von Gelb und Rosa gehört sicher zu den gewagteren Ausprägungen. Von der richtigen Frau getragen, wirkt sie jedoch umwerfend. Gelb in Kombination mit Zartgrün und Hellblau ist auch sehr vielversprechend und macht jeden noch so grauen Regentag etwas freundlicher. Ein Weissgoldring etwa mit einem gelben Edelstein ist aber auch der ideale Begleiter zu schlichten Weissgoldketten oder -armbändern. Ein Must in dieser Saison ist Koralle. Nicht in gezähmter, geschliffener Form, sondern möglichst ursprünglich als Zweig. Dieser Trend zog sich quer durch die Modeschauen, und auch die Schmuckbranche wird damit nachrücken. Der kleine rote Zweig ist der ideale Begleiter zur expressiven Mode dieses Sommers. Dabei muss es nicht ein Collier sein, Koralle kann auch als Einzelstück getragen werden.

Vielfalt der Perlen

Das Thema Perlen hat nichts von seiner Anziehung verloren. Der Trend zur Vielfalt auf dem Perlenmarkt hält an. Neu ist die immer vielfältigere Zusammenstellung von Perlen innerhalb eines Ranges. Die Frühlingsfarben spiegeln sich so auch in Perlencolliers wieder. Rosa, Gold, Weiss und Grau werden etwa bei Südseezuchtperlen zusammen mit einem ganz neuen grüngoldenen Farbton kombiniert. Nicht nur Farben werden gemischt in einem Collier, auch unterschiedliche Grössen werden munter nebeneinander gesetzt. Barocke Perlen mausern sich immer mehr zum Traumobjekt vieler Käuferinnen. Auch hier manifestiert sich der Wunsch nach dem einmaligen und persönlichen Schmuckstück. Zur ausdrucksvollen Mode werden entsprechend auch unübersehbare Schmuckstücke getragen. Grosse und vor allem sehr lange Ohrhänger ersetzen oft den Halsschmuck. Am Hals werden grossgliedrige Ketten oder aber lange Edelstein- oder Perlensautoirs (80-90 cm) am besten mehrfach getragen. Im exklusiven Bereich sind vor allem Colliers in bester Juwelierstradition zu sehen. Grosse Ringe mit einem Farbstein oder einer Perle sind nach wie vor die besten Begleiter einer Frau. Neu ist das Comeback der Armreifen. Zur afrikanisch inspirierten Mode passen sie wie kein zweites Schmuckstück.

Nach wie vor ein Thema sind die Bettelarmbänder. Sie werden am besten vollgepackt mit kleinen Anhängern getragen. Unwiderstehlich sind dabei Armbänder, die mit einem Augenzwinkern weibliche Marotten thematisieren - zum Beispiel Handtäschchen, Schminkutensilien oder Schuhe. Sie können aber auch genauso gut mit Variationen zum Thema Herz bestückt sein. Zu guter Letzt muss noch die Brosche genannt werden. Sie gehört unbedingt zur nostalgisch-weiblichen Mode. Blumen und Insekten spielen die Hauptrolle. Für ganz Mutige bieten sich Schmuckfrüchte an. Kirschen, Äpfel und Birnen bringen verspielten Witz in den Alltag, denn Schmuck muss nicht immer eine ernste Angelegenheit sein.

Susan Sagherian


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