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Classic Lady und Glamour
Girl
Die SchmuckTrends Frühling/Sommer 2001
(Erschienen im Frühjahr 2001 in der Neuen
Zürcher Zeitung - NZZ)
Classic Lady und Glamour Girl sind die
beiden Trends 2001. Sie führen weg vom Minimalismus der 90er Jahre
und verleihen der wiedergefundenen Lust am Schmücken Ausdruck.
Beide Trends ergänzen einander. Sie haben fliessende Grenzen. Und
trotzdem sind sie Ausdruck von verschiedenen gesellschaftlichen
Strömungen.
Schönheit und Klassik
Die Schönheit hat im vergangenen Jahrhundert ein prekäres Dasein
geführt. Als Opfer politischer Bewegungen und des Krieges sowie der
wechselnden Ideologien der Kunstszene wurde die Schönheit oft
verantwortlich gemacht für vermeintliche Unzulänglichkeiten der
modernen und zeitgenössischen Kunst. Allzu absolut war der
Schönheitsbegriff am Anfang des Jahrhunderts gewesen und genau so
radikal war die Abwendung von ihr im Gefolge der beiden Weltkriege.
Der Begriff verschwand ganz von den Radarschirmen der Kunstszene.
Allgemein lässt sich heute ein Aufweichen ideologischen und
dogmatischen Gedankenguts feststellen. Das „oder“, das die
Weltanschauung des vergangenen Jahrhunderts dominiert hatte, macht
immer mehr einem „und“ Platz. Zu komplex und dynamisch
präsentiert sich die Welt heute, als dass einseitige
Betrachtungsweisen noch genügen. Die klassischen Gegensätze
verlieren ihre Absolutheit und verschwimmen mehr und mehr. Das macht
auch den Weg frei zu einer unbelasteten Betrachtung der klassischen
Schönheit des 19. und 20. Jahrhunderts. In einer Zeit, in der die
Menschen jeden Tag mit Bildern überschwemmt werden und gleichzeitig
unsere Umgebung von hässlichen Dingen dominiert wird, wächst das
Bedürfnis nach Schönheit. Allerdings ist der Umgang mit der
Klassik sehr frei. Es gibt viele verschiedene Auffassungen von
Schönheit und die kritische Betrachtung der vergangenen Jahre
äussert sich oftmals in einer ironischen und hintergründigen Art.
Diese Entwicklung lässt sich in allen kreativen Bereichen
beobachten. Künstler verwenden wieder vermehrt traditionelle
Maltechniken, setzen sich mit Bildthemen der Klassik auseinander und
verwenden Zitate aus der Antike. Der Lehrsatz des reinen „form
follows function“ erhält ein neues ästhetisches Wohlgefühl,
indem wieder Wert gelegt wird auf schönes Bauen. In der
Innenarchitektur werden luxuriöse Materialien verwendet und
traditionelle Muster und Möbel neu interpretiert. In der Mode
dominieren Zitate der 40er und 50er Jahre. Unterstützt wird dieser
Trend von einer neuen Hinwendung zu bürgerlichen Lebensformen. Nach
über dreissig Jahren Auflehnung gegen die Bourgeoisie werden deren
Ideale wieder entdeckt. Beispiele dafür sind unter anderem die
Rückkehr zur Familie als Lebensform, der Trend zum mehrgängigen
Mittagessen mit Freunden am Sonntag zu Hause und der Zulauf zu
Benimmkursen.
Classic Lady
Eleganz und Weiblichkeit sind die Zutaten für diesen Trend des
Sommers 2001. Die wieder entdeckte Klassik präsentiert sich mit
einem erfrischenden Witz und einer gehörigen Portion Ironie. Die
kultivierte Eleganz orientiert sich an bourgeoisen Vorbildern, die
aus einer kritischen und amüsierten Distanz interpretiert werden.
Die Inspirationen kommen aus den 40er und 50er Jahren. Die Dame -
aller Altersklassen - trägt Schuhe mit passender Handtasche,
Halstuch und Hut. Schneiderkostüm und Schleifenbluse rufen
förmlich nach dem passenden Schmuck. Es ist gewissermassen „eine
erwachsene Mode für erwachsene Frauen“ mit viel Sinnlichkeit und
Stil. Die Silhouette der Mode ist entweder schmal und gerade oder
zeigt eine betonte Taille mit Röcken in A-Linie.
Die Umsetzung dieses Trends verlangt auch vom Schmuck eine Anlehnung
an die Klassik. Zum Beispiel das Prinzip der Parure taucht
wieder auf. Wie im Accessoirebereich werden auch Schmuckstücke
wieder passend getragen. Eine edle Ausstrahlung in Anspielung auf
die Haute Joaillerie ist sehr wichtig. Gleichzeitig werden
jedoch alle Vorzüge moderner Technik erwartet. Der
unvoreingenommene Blick auf die Schmuckklassiker - v.a. der 50er
Jahre - bringt frischen Wind in das zeitgenössische Schmuckdesign.
Pavés in aufwendigen Farbverläufen deuten die Wiederbelebung des
klassischen Juwelenstils an.
Traditionelle Schmuckelemente werden wieder entdeckt und neu
interpretiert. Im Bereich des Halsschmucks bieten sich klassische
Collierformen mit schmückenden Verschlüssen und Zwischenteilen an.
Daneben sind Y-Collier ganz wichtig. Sie sind moderne Klassiker
geworden und präsentieren sich in diesem Trend in einem feinen
Juwelenstil. Im Kettenbereich lässt sich eine Rückkehr von
Rundpanzer- und verwandten Kettentypen feststellen. Anhänger sind
klein, fein und Vorbildern aus der viktorianischen Zeit
nachempfunden. Im Bereich des Armschmucks passen mehrrangige oder
mehrrangig getragene Armbänder am besten. Solitäre mit Entourage
und 3-Steiner nehmen das Thema im Bereich der Ringe auf. Am Ohr
tauchen nach einer längeren Absenz wieder Clips auf, daneben gibt
es mittelgrosse Kreolen und Hänger.
Wirklich neu sind die Broschen. Diese entspringen ganz direkt der
Neuinterpretation der 50er Jahre. Ihr Stil lehnt sich an die
Vorbilder ganz direkt an. Naturformen - Blumen und Insekten - sind
wichtige Eckpfeiler dieses neuen Trends. Auch hier ist der Schmuck
nicht allein. In der Kunst wird das Stilleben als Thema aufgegriffen
und in der Mode sind Blumen und Schmetterlinge allgegenwärtig. Mit
Witz, Ironie und Frische interpretiert, ergeben sie einen tragbaren
und eleganten Schmuckstil.
Zwei Farbpaletten bieten sich an. Zum einen die warmen Rot- und
Violetttöne, die Sinnlichkeit und Üppigkeit ausstrahlen. Zum
anderen kühle Grün- bis Blautöne, die eine vibrierende und
erfrischende Note haben. Das Besondere daran ist die Kombination von
kräftigen mit zarten Farbnuancen und generell das Mischen von
Farben. Der kreative Umgang mit Farbe ist wichtig. Daraus entsteht
der edle, „Joaillerie“-Stil, der dem Schmuckstück den
besonderen Chic gibt.
Optimismus und Spasskultur
Das wirtschaftliche Wachstum und die sinkenden
Arbeitslosenzahlen in Westeuropa haben den Glauben an die Zukunft
gestärkt. Gleichzeitig haben die Geschichten von .com und anderen
Millionären den Traum vom Reichtum angefacht. Ungezählte
Fernsehsendungen, in denen Kandidaten das grosse Geld winkt, haben
das Thema öffentlich gemacht. Geld steht für Erfolg und
Unternehmertum und der zur Schau getragene Luxus wird zum Ausdruck
der Individualität.
Nach den eher tristen 90er Jahren hat Spass für Viele - vor allem
die junge Generation - wieder Priorität im Leben. Ungezählte
Beispiele sprechen für diese neue Spasskultur. Das Phänomen „Ballermann“
steht für einen ganzen Zweig der Touristenbranche. Das oberste Ziel
vieler junger Urlauber ist Party ohne Ende. Ein weiteres Beispiel
sind die Feierabendparties. Diese beginnen gleich nach
Arbeitsschluss und enden dafür schon vor Mitternacht. Damit wird
der Arbeitsalltag mit dem Ausgehvergnügen verbunden. Auch die
Technobewegung spricht für diesen Trend. Die grossen Paraden werden
immer mehr zu einer neuen Form von Karneval. Ebenfalls zu diesem
Thema gehören die Kickboards, die zum Spielzeug für Erwachsene
geworden sind.
Die Idole und Trendsetter dieser Bewegung sind die Stars und
Sternchen aus dem Musik- und Showbusiness. In der jüngeren
Vergangenheit ist um diese Szene ein neuer Typ von Magazinen
entstanden, der den glamourösen Stil der Stars zelebriert. Vor
allem Künstler aus Lateinamerika feiern grosse Erfolge. Sie
personifizieren die Lebenslust und Sinnlichkeit ihrer Kulturen.
In der Architektur drücken sich Optimismus und Maximalismus ganz
konkret aus. Nach Jahren werden in den Metropolen wieder
Wolkenkratzer gebaut. In der Innenarchitektur tauchen satte,
fröhliche Farben und naive Muster auf. Selbst technische Apparate
werden in diesen Farben produziert. Die Inspirationen aus den 50er
und frühen 60er Jahren sind unübersehbar. Unzählige Klassiker der
damaligen Zeit werden wieder neu produziert, Originale zu
unglaublichen Preisen gehandelt. Auch die Autoindustrie erinnert
sich wieder an die 50er Jahre. Der neue Chrysler PT Cruiser ist eine
direkte Adaption eines damaligen Models. Die Modemacher orientieren
sich an vergangenen Epochen von Optimismus und ostentativem Luxus.
Einflüsse aus den 20er, 50er, 60er und auch die 80er Jahre fliessen
in die aktuellen Kollektionen ein. Wichtige Merkmale sind:
voluminöses Haar, sexy Schnitte, laute Muster und Farben und
luxuriöse Materialien.
Glamour Girl
Bondgirls, Discogirls und Charlie‘s Engel lassen grüssen. Die
80er Jahre dienen als Vorlage und werden aufgepeppt mit den
psychedelischen Mustern der 70er und dem unsterblichen Pucci-Stil.
Dieser verführerische Look setzt sich zusammen aus Laszivität,
Opulenz und dem neuen Spassgefühl der Gesellschaft. Optimismus und
die latente Bereitschaft, das Leben bei jeder Gelegenheit zu
geniessen, liegen in der Luft. Diese Frau begreift sich als
lebenslustiges und starkes Wesen zugleich. Sie geizt weder mit ihren
Reizen noch mit ihrer unverhohlenen Lust am Luxus. Die Mode zeigt
eine schmale, körperbetonte Linie mit tiefem Ausschnitt,
tiefsitzende Schlaghosen und Tulpenärmel. Die Silhouetten können
aber auch voluminöser sein und einen grafischen Charakter haben.
Der Abendschmuck wird zum Tagesschmuck. Der neue Trend der
Feierabendparty scheint dazu zu führen, dass die Frauen mit
Vergnügen schon morgens den Schmuck zum kleinen Cocktailkleid
tragen. Wichtig ist, dass der Schmuck nicht zu übersehen ist. Die
Zeiten des dezenten Minimalismus sind vorbei. Gold, Gross,
Glitzernd, sind die drei neuen G‘s des Schmucks. Viel Metall,
grosse, facettierte Edelsteine und Pavéflächen sind die
herausragenden Merkmale. Das Design lehnt sich am Trend zu
grafischen Mustern und weichen, organischen Formen an.
Der Halsschmuck füllt das Dekolleté. Y-Colliers sind sehr
langgezogen, parallel dazu gibt es einen neuen, offenen Colliertyp
mit Häkeloptik, der vorne geschlungen ist. Typisch sind auch die
„Wasserfall-Colliers“, zusammengesetzt aus vielen feinen Ketten.
Auch Colliers aus grafischen Elementen oder mit einem ethnischen
Einschlag passen gut. Ketten sind entweder grossgliedrig mit
grafischem Charakter oder eher feiner mit glitzernder Oberfläche.
Auch goldene Kugelketten kommen wieder zum Zug. Anhänger sind
grossflächig in typischen Formen der 60er Jahre. Diese Merkmale
werden auch vom Armschmuck aufgenommen. Breite Kettenbracelets und
Armreifen dominieren. An der Hand tauchen offene Ringe mit
Durchblick oder grosse Ringe ohne Stein auf. Wiederum als Zitat der
50er Jahre sind die Cocktailringe zu werten. Am Ohr wirken grosse
Creolen und lange, schmale Hänger am besten.
Bei diesem Trend kontrastieren eine intensive, exotische Farbpalette
mit den kitschig-süsslichen Farben aus den 50ern und frühen 60ern.
Typische Edelsteine dieser Zeit sind Koralle, Türkis und Chalcedon.
Dazu kommt Gold. Ein ganz grosser Trend wird die Kombination von
gelben Edelsteinen mit weissem Metall sein. Die Frische und
Aktualität dieser Kombination wird die Schmuckkäuferinnen
begeistern. Die Kombination verschiedener Metalle ist ein Trend, der
schon über den Sommer hinaus weist. Im Herbst erwartet uns in
Design und Mode ein metallischer Look. Die Kombination aller
Schattierungen von silberweiss bis zu einem dunklen Bronze sind
denkbar. Die Herausforderung an die Schmuckmacher besteht darin,
diese Farbnuancen auf neue Art in den Schmuck einfliessen zu lassen.
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