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Überraschung
in
der Farbedelsteinwelt
(Erschienen im Frühjahr 2002 in der Neuen
Zürcher Zeitung - NZZ)
Mutter
Natur ist immer wieder für eine Überraschung gut. Das Inventar der
gesammelten Naturschätze ist noch weit davon entfernt,
abgeschlossen zu sein. Alle paar Jahre gibt sie einen unerwarteten
Fund im Bereich der Farbedelsteine frei und überrascht damit selbst
die gestandenen Experten immer wieder aufs Neue. Ende der 80er Jahre
gelang in Brasilien eine derartige Sensation. Im Staat Paraiba, in
der Gegend um São José de Batalha, wurde eine Turmalinmine
gefunden. Turmaline sind in der Edelsteinwelt bekannt für ihren
grenzenlosen Farbenreichtum. Die neu gefundenen Turmaline aber waren
von nie gesehener Farbe und Leuchtkraft. Ihre intensive türkisblaue
Farbe versetzte die Fachwelt in ungläubiges Staunen. Unter dem
Begriff Paraiba-Turmaline eroberten die neu gefundenen Edelsteine
mit den typischen, unverkennbaren Farbschattierungen Grün über Türkis
bis „Swimmingpool-Blue“ die Schmuckwelt. Der Erfolg der setzte
einen wahren „Turmalinrausch“ in Gang. Ganze Hügelketten in der
Gegend wurden durchwühlt, aber bereits 1993 war die wertvolle Mine
erschöpft. Seither kamen nur noch vereinzelte Steine in hoher
Qualität und respektabler Grösse auf den Markt. Die neuen
Edelsteine wurden vom Markt förmlich aufgesogen. Die Preise
bewegten sich in astronomischen Höhen und steigerten sich weiter
nach dem Versiegen der Mine.
Bis Ende 2000 galten die Paraiba-Turmaline aus Brasilien als
einmalige Laune der Natur. Seit Anfang des vergangenen Jahres weiss
man es besser. Plötzlich tauchten Turmaline aus Nigeria auf, die
denjenigen aus Brasilien verblüffend ähnlich waren. Wieder diese
Leuchtkraft, wieder diese einmaligen Farbschattierungen. Diesmal
waren neben den bereits bekannten auch hellere Farbtöne vertreten
und erst noch in grossen Grössen. Wieder fanden die Gemmologen
dieselben Spurenelemente – Kupfer und Mangan. Auch sonst wurden
keine nennenswerten Unterschiede zwischen Edelsteinen aus den
verschiedenen Fundorten gefunden. Der Schluss liegt also nahe, dass
beide Edelsteinvorkommen unter gleichen, geologischen Bedingungen
entstanden sind.
Hier lohnt sich ein Blick in den Atlas. Wenn man Südamerika
ausschneidet und verschiebt, passt es exakt wie ein Puzzleteil an
den afrikanischen Kontinent. Dabei kommt der Staat Paraiba im
Nordosten Brasiliens direkt an Nigeria zu liegen. Sind die neuen
Turmaline aus Nigeria deshalb nicht von denjenigen aus Brasilien zu
unterscheiden, weil sie gemeinsam, gleichzeitig und unter den
gleichen, geologischen Bedingungen auf dem ehemaligen Urkontinent
entstanden sind? Vielleicht liegt hier ein möglicher Ansatzpunkt für
Wissenschaftler, die nach Beweisen für das Auseinanderdriften der
beiden Kontinente suchen.
Geologie hin, Kontinentalverschiebung her, die neuen Turmaline aus
Nigeria sind ein Wunder der Natur. Sie haben die unendliche Vielfalt
der Farbedelsteine mit ihrer fantastischen Erscheinung bereichert
und wenn man den Angaben der Experten Glauben schenken darf, scheint
die neue Fundstelle auch für die Zukunft grössere Erträge zu
versprechen.
Susan
Sagherian
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