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Das
magische Gold des Nordens
(Erschienen am 29.12.2001 in der Neuen
Zürcher Zeitung - NZZ)

(Illustration und Copyright: Max Grüter)
In
Marias guter Stube zu sitzen ist die Bernsteinerfahrung schlechthin.
Wir befinden uns leicht ausserhalb von Danzig. Marias Mann ist
Bernsteinschleifer, sie selbst ist die Geschäftsfrau und betreut
die zahlreichen Kunden. In dem gemütlichen Wohnhaus verfliessen die
Grenzen von Privat- und Berufsleben. Im Keller ist die Schleiferei
untergebracht, Kunden werden im Raum neben dem Wohnzimmer empfangen.
Und dann gibt es noch das „Bernsteinzimmer“. Nicht das Berühmte
aus St.Petersburg, sondern Marias ganz Privates. Hier werden die
geschliffenen Preziosen aufbewahrt. Und hier nimmt man zum ersten
Mal den intensiven Duft des Bernsteins wahr. Es ist ein feiner,
aromatischer Harzgeruch. Er erinnert an Fichtenwälder und an
wertvolle Öle. Der frische und unendlich reine Duft weckt die
Illusion, man könne die urzeitlichen Wälder riechen, von denen der
Bernstein stammt.
Und damit
hat uns die Sinnlichkeit des Bernsteins gefangen genommen. In Marias
Bernsteinzimmer gibt es alle Spielarten des wertvollen Materials zu
sehen. Honigfarbene, klare Varianten treffen auf cremig goldene bis
zitronenfarbene, die das Licht nur durchschimmern lassen.
Undurchsichtiger Bernstein, dessen Farbspiel an ein Leopardenfell
erinnert, liegt neben milchig weissem bis fast schwarzem Bernstein.
Beim Berühren spielt der Bernstein seinen letzten Trumpf aus. Er fühlt
sich warm an und sein Gewicht ist überraschend leicht. Es ist ein
Material, das man gerne nahe am Körper und am liebsten auf der Haut
trägt. Das übrigens empfehlen die Bernsteinspezialisten aus Danzig
wärmstens. Sie glauben an die heilende und vor allem
schmerzstillende Wirkung von Bernstein.
Entstehungsgeschichte
des Bernsteins
Die
Bildung von Bernstein ist nicht vollständig erforscht. Fest steht,
dass das anfänglich schnell fliessende Harz gewisser
Koniferensorten und einiger tropischer Bäume beim Kontakt mit der
Luft sehr schnell fest wurde. Über Jahrtausende hinweg sanken diese
Harzklumpen in sedimentäre Schichten ab und wurden dort auf dem
Grund von Flussdeltas und Lagunen abgelagert. Bedeckt von anderen
Ablagerungen wurde das Harz konserviert, während es an der Luft über
lange Zeiträume hinweg langsam oxidiert und zerfällt. Begraben
unter den Sedimentschichten bildete sich hingegen aus dem Harz der
Bernstein. Es fand allerdings keine Umwandlung in ein kristallines
Material statt, wie bei den Fossilierungen von Tieren und Bäumen.
Bernstein ist bis heute das gleiche, organische Material wie vor
Jahrmillionen. Ebenso wurden alle eingelagerten Pflanzen und Tiere
in ihrer ursprünglichen Form erhalten. Bernsteine sind daher
einzigartige Informationsquellen für die Erforschung der Frühgeschichte
unseres Planeten. Sie sind Fenster in die Vergangenheit.
Die ältesten,
bekannten Bernsteine dürften etwa vor 320 Millionen Jahren
entstanden sein. Sie sind nur als mikroskopisch kleine Fasern bis
heute erhalten. Eine interessante Entstehungsphase für Bernstein
war vor etwa 140 bis 65 Millionen Jahren. Dieser Zeitraum war von
enormer Bedeutung für die biologische Entwicklung der Erde. Damals
bildeten sich die blühenden Pflanzenformen und die modernen
Insektenfamilien. Die Pflanzen und Tiere, die im Harz der prähistorischen
Koniferen- und Zypressenwälder konserviert wurden, lassen diesen
Entstehungsprozess wissenschaftlich nachvollziehen. Diese alten
Bernsteine sind mehrheitlich sehr mürbe und schwierig zu
konservieren. Die grosse Mehrheit des Bernstein stammt jedoch aus
der Zeit des Tertiärs, das heisst aus einer Zeit vor 40 Millionen
Jahren. Bernstein aus dieser Zeit ist das Material, aus dem seit
Jahrtausenden Schmuck und Kunstobjekte hergestellt wird. Aufgrund
seines, relativ zu früherem Bernstein, geringen Verwitterungsgrad lässt
er sich leicht in jede gewünschte Form bringen.
Bernsteinvorkommen
sind rund um die Erde bekannt. Etwa 20 Fundorte weltweit sind gross
genug für kommerziellen Abbau. Viele andere Fundorte lohnen diesen
Aufwand nicht. Die grössten Vorkommen befinden sich nach wie vor an
der baltischen Küste vor Polen. Hier wurden rund neunzig Prozent
des Europäischen Bernstein gefunden. Von hier aus lässt sich auch
die mindestens 10'000 Jahre dauernde Kulturgeschichte des Bernsteins
verfolgen.
Kulturgeschichte
des Bernsteins
Seit
Jahrtausenden begleitet Bernstein die Menschheitsgeschichte. Die ältesten,
bearbeiteten Bernsteinstücke stammen aus einer Zeit vor 11‘000
-9‘000 v. Chr. Sie wurden in England gefunden und der bearbeitete
Bernstein stammte aus den reichen Vorkommen des Baltikums. Er wurde,
wie das bis heute vorkommt, an die Küste angeschwemmt.
Funde aus dieser Zeit sind sehr selten, wurden aber auch im
Baltikum verschiedentlich gemacht. Einige Jahrtausende später, zu
einer Zeit um 3'100 –2‘500 v. Chr. herrschte bereits ein reger
Handel mit Bernsteinobjekten und –schmuck über das Baltikum und
weite Teile Skandinaviens und Europa hinweg. Ein ganz spezieller
Fund stammt aus einer Zeit um 1'200 v. Chr. Es handelt sich dabei um
zwei meisterlich gearbeitete Tassen aus rotem, durchsichtigem
Bernstein, die aus Gräbern hoher Stammesführer der Bronzezeit
stammen. Während der Bronzezeit spielte Bernstein auch für die
mediterranen Völker eine grosse Rolle. Die Etrusker waren
Handelsleute mit weitläufigen Beziehungen. Sie trieben Handel über
weite Distanzen hinweg und ihre Schiffe transportierten auch
baltischen Bernstein. Er
wurde vor allem für dekorative Objekte, Schmuck, aber auch für
Grabschmuck verwendet.
Auch die Römer
trieben einen schwungvollen Handel mit Bernstein. Nero schickte
sogar einen Gesandten ans Baltische Meer, um die Quelle des
Bernsteins zu finden. Bernstein war so beliebt, dass er schon fast
industriell in luxuriöse Objekte und Schmuck verarbeitet wurde.
Ganze Tafelaufsätze sind bekannt, aber auch Messergriffe,
Toilettenartikel und kleine Behältnisse. Die Römerinnen liebten es
überdies, kleine Handschmeichler aus Bernstein bei sich zu tragen.
Das
Mittelalter war eine blühende Zeit des Bernsteinhandels. 1211
kehrten die Kreuzritter aus dem mittleren Osten zurück. 1225
brachen sie wieder auf, um die Balten an der Baltische Küste zu
unterwerfen. Das gelang ihnen endgültig im Jahre 1283 und damit
begann ein blühender und äusserst lukrativer Handel mit Bernstein
über ganz Europa. Um 1302 formte sich in Brugge eine
Bernsteingilde, die Pasternostermachers, die Rosenkränze
herstellten. Um 1420 umfasste diese Gilde 70 Meister und 300
Lehrlinge. Das Einsammeln von Bernstein an den Stränden war von den
Gilden strikte verboten. Sie stellten Strandmeister und verkauften
Sammellizenzen für Strände, die für ihren Bernsteinreichtum
bekannt waren. Zuwiderhandlungen gegen das Verbot wurden streng
bestraft und konnten auch mit dem Tod geahndet werden.
Die ganz
grosse Blütezeit der Bernsteinverarbeitung dauerte vom 17. bis ins
19. Jahrhundert. In dieser Zeit entstanden herausragende Werke. Die
technischen Möglichkeiten erlaubten ganz neue Bearbeitungen des
wertvollen Materials. Es entstanden zum Teil sehr grosse
Einlegearbeiten, bei denen Bernstein zusammen mit Elfenbein,
Meerschaum und Knochen verarbeitet wurde. Später wurden ganze Altäre
oder Möbelstücke mosaikartig mit meisterhaft zusammengefügtem
Bernstein überzogen. Eine andere Technik bestand darin,
transparenten Bernstein ganz fein zu sägen, die Rückseite
reliefartig zu gestalten und anschliessend mit Elfenbein oder Folie
zu hinterlegen. Dies alles wäre aber nicht möglich gewesen ohne
die Unterstützung grosser Fürsten- und Königshäuser der
damaligen Zeit. Die wichtigsten Produktionszentren der
Bernsteinindustrie lagen in Danzig, dessen Gilde um 1477 gegründet
wurde und bis heute existiert, sowie in Königsberg. Diese Gilde
existierte von 1641 bis 1811. Obwohl die beiden Zentren nicht weit
auseinander liegen, unterschieden sich ihre Produkte stark
voneinander. Das katholische Danzig produzierte religiöse Objekte
wie Hausaltäre, Heiligenfiguren und Monstranzen. Das
protestantische Königsberg hingegen spezialisierte sich auf profane
Objekte. Sie stellten Objekte für den Tisch, komplett mit Besteck,
Tellern, Bierhumpen, Aufsätzen und Kerzenleuchtern, aber auch Möbelstücke
her. Das Museo degli Argenti in Florenz verfügt über eine
beeindruckende Sammlung von Bernsteinwerken aus dieser Zeit. Auch
die Schatzkammer in München beherbergt einige herausragende Werke
der Meister aus Danzig und Königsberg.
In diese
Zeit fallen auch die ersten Arbeiten am berühmtesten Bernsteinwerk
aller Zeiten, dem Bernsteinzimmer. Friedrich der Erste von Preussen
gab 1701 den Auftrag einen Bankettraum seines Berliner Palastes mit
Bernsteinpaneelen auszukleiden.
100'000 Bernsteinstücke wurden benötigt, um die Wandvertäfelungen
mit Blumenranken, Wappen und Profilen zu schmücken. Zar Peter der
Grosse bewunderte das Werk kurz nach seiner Vollendung 1712 bei
seinem Besuch in Berlin. 1717 schenkte Friedrich I. Peter dem
Grossen das Bernsteinzimmer, als Erinnerung an den Vertrag zur
Preussisch-Russischen Allianz von 1716. Elisabeth, die Tochter von
Peter dem Grossen, nahm sich des Werks an und liess im Palast von
Tsarskoje Selo einen Raum speziell für die Bernsteinpaneele
errichten. Da dieser viel grösser als der ursprüngliche Raum war,
wurden die ursprünglichen Arbeiten ergänzt. Bis etwa 1763 dauerte
es, ehe der ganze Raum mit Bernstein ausgekleidet war. Von da an ergänzten
Objekte und Möbel die Bernsteinsammlung. Immer wieder waren
Restaurationsarbeiten nötig, um herausgefallene oder oxidierte
Teile des Mosaiks zu ersetzen. 1941 marschierten die Nazis in
Leningrad (bzw. das frühere St. Petersburg) ein und konfiszierten
das einmalige Werk. Auf dem Transport nach Deutschland verschwanden
die wertvollen Tafeln für immer. Heute wird das Bernsteinzimmer
nachgebaut. Mit Hilfe von Fotografien des ursprünglichen Zimmers
wird es Stück für Stück von Meistern zusammengesetzt. Bis 2003,
dem dreihundertjährigen Jubiläum von St.Petersburg, soll das
Zimmer originalgetreu wieder hergestellt sein.
Die
Auferstehung von Danzig
Seit
dem Ende des Kommunismus in Polen hat in Danzig eine Renaissance des
Bernsteingeschäfts stattgefunden. 1994 fand die erste Amberif
Bernsteinmesse mit 50 Ausstellern statt. 2001 nahmen bereits 400
Aussteller teil und es wurden knapp 10'000 Besucher gezählt. Die
Messe ist zu einem Katalysator der lokalen Industrie geworden. Sie
wird von einem internationalen Designwettbewerb für
Bernsteindesign, sowie von einem Ausstellerwettbewerb begleitet. Die
Organisatoren der Messe präsentieren auch jeweils eine Modenschau
mit zeitgenössischem Bernsteindesign kombiniert mit aktueller Mode.
Bernsteinbearbeitung und Design wird an der Akademie von Giedymin
Jablonski gelehrt. Er ist einer der geistigen Väter der
Bernsteinrenaissance in Danzig und versucht, die Annäherung an das
einzigartige Material auf möglichst vielen Ebenen zu vermitteln.
Die Stadt Danzig hat seinen Faden aufgenommen. Mit 1'800 Firmen und
rund 6'000 Beschäftigten ist der Bernsteinsektor zur wichtigsten
Industrie der polnischen Stadt geworden. Vor kurzem ist das
Bernsteinmuseum mit einer bemerkenswerten Sammlung eröffnet worden.
Touristenprogramme werden entwickelt, die den Besuchern Einsicht in
die Welt des Bernstein eröffnen sollen. Anfangs August findet
jeweils das Bernsteinfestival statt. Die Aktivitäten tragen langsam
Früchte. Viele Schmuckmacher sind auf das Material aufmerksam
geworden. Bernstein wird auf neue und zeitgenössische Art
verarbeitet und zur Zeit arbeitet auch noch die allgemeine
Trendentwicklung für das magische Material. Seine warme
Ausstrahlung und Farbskala passt hervorragend zur aktuellen Stimmung
und Mode.
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